Eine wissenschaftliche Betrachtung der weiblichen Sexualität in Deutschland
Wenn über Frauen gesprochen wird, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatten, entsteht schnell ein vereinfachtes Bild: Eine Jungfrau sei automatisch sexuell unerfahren, habe wenig sexuelles Interesse und beschäftige sich kaum mit Pornografie oder sexuellen Fantasien.
Die Forschung zeichnet jedoch ein deutlich komplexeres Bild.
Eine Frau kann Jungfrau sein und gleichzeitig eine ausgeprägte sexuelle Fantasiewelt, sexuelles Verlangen und Erfahrung mit Masturbation oder pornografischen Inhalten haben.
Jungfräulichkeit beschreibt lediglich einen bestimmten Teil der sexuellen Biografie. Sie sagt nicht automatisch, wie hoch die Libido einer Frau ist, wie häufig sie masturbiert, welche Männer sie attraktiv findet, welche Fantasien sie hat oder welche Art von erotischem Material sie interessant findet.
Gerade in Deutschland gibt es inzwischen mehrere Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen Pornografie durchaus nutzen – allerdings im Durchschnitt anders und weniger häufig als Männer.
Dabei ist ein entscheidender Unterschied notwendig:
Was eine Frau ansieht, was sie sexuell erregend findet, worüber sie fantasiert, was sie tatsächlich ausprobieren möchte und was sie im wirklichen Leben tut, sind fünf verschiedene Dinge.
Diese Unterscheidung ist besonders wichtig, wenn man die Sexualität von Frauen untersucht, die noch Jungfrau sind.
1. Schauen deutsche Frauen überhaupt Pornografie?
Ja.
Die Vorstellung, Pornografie sei ausschließlich ein männliches Interesse, lässt sich wissenschaftlich nicht halten.
Eine große deutsche Untersuchung kombinierte Befragungsdaten mit tatsächlichen Webtracking-Daten. Die Forscher untersuchten dabei 3.018 Personen im Alter von 18 bis 65 Jahren und konnten mehr als 2 Millionen Besuche auf pornografischen Video-, Foto- und Live-Cam-Portalen analysieren.
Von den identifizierten Pornografienutzern waren 29 % Frauen.
Bei der gesamten Stichprobe hatten 26 % der Frauen mindestens einmal ein pornografisches Portal besucht, verglichen mit 66 % der Männer. Unter den tatsächlichen Nutzerinnen lag die durchschnittliche Zahl der Sitzungen bei etwa 2,33 pro Monat, während männliche Nutzer durchschnittlich 8,07 Sitzungen pro Monat aufwiesen. (PubMed Central (PMC))
Damit ergibt sich ein sehr klares Bild:
Deutsche Frauen nutzen Pornografie durchaus, aber im Durchschnitt deutlich seltener als Männer.
Das bedeutet gleichzeitig nicht, dass alle Frauen gleich wenig konsumieren. Die Streuung zwischen einzelnen Frauen ist sehr groß.
2. Junge deutsche Frauen nutzen Pornografie häufiger
Das Alter spielt ebenfalls eine Rolle.
Die deutsche Webtracking-Studie zeigte, dass die Nutzung bei jüngeren Frauen deutlich höher war als bei älteren Frauen.
Bei Frauen zwischen 18 und 30 Jahren wurden 36,5 % als Nutzerinnen pornografischer Webseiten identifiziert. Bei Frauen ab 61 Jahren lag der entsprechende Anteil nur noch bei 9,8 %. (PubMed Central (PMC))
Das ist für die Diskussion über junge Jungfrauen besonders interessant.
Eine junge Frau kann also gleichzeitig:
- noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt haben,
- Männer attraktiv finden,
- masturbieren,
- Pornografie konsumieren,
- sexuelle Fantasien haben
- und trotzdem keine reale sexuelle Beziehung wollen.
Diese Kombination ist keineswegs widersprüchlich.
3. Eine weitere deutsche Studie zeigt ähnliche Unterschiede
Eine Untersuchung deutscher Medizinstudierender fand ebenfalls deutliche Geschlechterunterschiede.
Bei den weiblichen Studentinnen hatten 71,7 % bereits irgendwann in ihrem Leben pornografisches Material konsumiert.
Allerdings konsumierten nur 7,3 % der Studentinnen mehr als viermal innerhalb der letzten vier Wochen Pornografie. Bei den männlichen Studenten lag dieser Anteil bei 79,1 %. (PubMed Central (PMC))
Auch hier zeigt sich:
Pornografie ist unter jungen deutschen Frauen keineswegs unbekannt, aber regelmäßiger und intensiver Konsum ist wesentlich weniger verbreitet als bei Männern.
Das ist wahrscheinlich näher an der Realität der „typischen deutschen Frau“ als das Bild einer Frau, die täglich Pornografie konsumiert.
4. Gibt es überhaupt die „typische deutsche Frau“?
Hier muss man vorsichtig sein.
Es gibt keine einzelne typische deutsche Frau.
Eine 20-jährige Studentin in Berlin, eine 28-jährige Frau aus Hamburg, eine 35-jährige berufstätige Frau aus Bayern und eine 50-jährige Mutter aus Nordrhein-Westfalen können vollkommen unterschiedliche Einstellungen zu Sexualität und Pornografie haben.
Auch Jungfrauen bilden keine homogene Gruppe.
Man kann eine junge deutsche Jungfrau finden, die Pornografie interessant findet und regelmäßig masturbiert.
Eine andere schaut niemals Pornografie.
Eine dritte schaut gelegentlich erotische Inhalte, lehnt aber klassische Pornografie ab.
Eine vierte nutzt Pornografie ausschließlich zur Masturbation.
Eine fünfte ist neugierig auf Sexualität, möchte aber mit einem realen Partner noch keinen Sex.
Deshalb ist „typische deutsche Jungfrau“ keine wissenschaftliche Kategorie.
Was man untersuchen kann, sind statistische Muster.
5. Schauen Jungfrauen mehr Pornografie als andere Frauen?
Die kurze Antwort lautet:
Dafür gibt es keine überzeugenden Belege.
Tatsächlich gibt es Hinweise in die andere Richtung.
Eine repräsentative Schweizer Studie mit jungen Erwachsenen untersuchte unter anderem den Zusammenhang zwischen Jungfräulichkeit und Pornografiekonsum. Jungfrauen hatten eine geringere Wahrscheinlichkeit, Pornografie zu konsumieren, als Personen, die bereits sexuelle Erfahrungen gemacht hatten.
Das bedeutet jedoch nicht, dass Jungfrauen grundsätzlich weniger sexuelles Interesse besitzen.
Möglicherweise spielen Faktoren wie Partnerschaft, sexuelle Neugier, Alter, religiöse oder kulturelle Einstellungen und die individuelle Einstellung zu Sexualität eine Rolle.
Die Gleichung
„kein Partnersex = mehr Pornografie“
funktioniert wissenschaftlich nicht.
6. Jungfräulichkeit bedeutet nicht sexuelle Unerfahrenheit
Eine Frau kann noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt haben und trotzdem bereits einiges über ihre eigene Sexualität wissen.
Sie kann ihren Körper kennen.
Sie kann masturbieren.
Sie kann sexuelle Fantasien haben.
Sie kann Männer attraktiv finden.
Sie kann erotische Inhalte kennen.
Sie kann wissen, welche Situationen sie erregend findet.
Sie kann sogar sehr klare Vorstellungen darüber besitzen, welche Art von Partner sie später möchte.
Das ist ein wichtiger Punkt, weil Sexualität nicht erst mit dem ersten Geschlechtsverkehr beginnt.
Die sexuelle Entwicklung beginnt wesentlich früher und beinhaltet unter anderem Körperwahrnehmung, Pubertät, sexuelle Anziehung, Fantasie, Selbstbefriedigung, Verliebtheit und emotionale Beziehungen.
7. Wie verbreitet ist Masturbation bei deutschen Frauen?
Eine interessante deutsche Studie mit Frauen untersuchte Masturbationsverhalten sehr detailliert.
In dieser Stichprobe hatten 94,5 % der Frauen mindestens einmal in ihrem Leben masturbiert.
Das durchschnittliche Alter der ersten Masturbation lag bei ungefähr 14 Jahren.
Die häufigsten Häufigkeitsangaben lagen bei einmal pro Woche beziehungsweise zwei- bis dreimal pro Woche. Außerdem zeigte die Studie, dass Masturbation keineswegs auf alleinstehende Frauen beschränkt ist.
Unter den Frauen, die sich in einer Beziehung befanden, gaben 91,5 % an, auch während der Beziehung zu masturbieren.
Damit wird ein verbreitetes Missverständnis widerlegt:
Masturbation ist nicht einfach ein Ersatz für einen fehlenden Partner.
Eine Frau kann einen Partner haben und masturbieren.
Eine Frau kann Single sein und kaum masturbieren.
Eine Frau kann Jungfrau sein und masturbieren.
Die sexuelle Selbstbefriedigung ist ein eigenständiger Bestandteil der Sexualität. (PubMed Central (PMC))
8. Warum schauen Frauen Pornografie?
Eine internationale Studie mit 46.874 Frauen aus 42 Ländern ist besonders interessant, weil sie nicht nur fragte, ob Frauen Pornografie verwenden, sondern warum.
Die Forscher identifizierten mehrere wichtige Motive:
- sexuelle Lust,
- sexuelle Neugier,
- Fantasie,
- Selbstentdeckung,
- Langeweile,
- Stressabbau,
- emotionale Ablenkung,
- Unzufriedenheit mit dem eigenen Sexualleben.
Damit wird deutlich, dass „Pornografie schauen“ nicht automatisch bedeutet:
„Ich möchte jetzt Sex haben.“
Eine Frau kann Pornografie aus Neugier betrachten.
Sie kann versuchen herauszufinden, was sie interessant findet.
Sie kann sich entspannen wollen.
Sie kann masturbieren wollen.
Sie kann eine Fantasie stimulieren.
Oder sie kann einfach neugierig sein. (PubMed Central (PMC))
9. Besonders wichtig: sexuelle Neugier
Bei jungen Frauen und insbesondere bei Frauen ohne sexuelle Erfahrung kann Neugier eine wichtige Rolle spielen.
Eine Jungfrau hat keine persönliche Erfahrung mit einem realen Sexualpartner.
Das kann dazu führen, dass sie sich Fragen stellt:
Wie fühlt sich Sex an?
Wie reagieren Menschen aufeinander?
Was finde ich attraktiv?
Welche Männer sprechen mich an?
Was macht mich erregt?
Wie sieht körperliche Intimität überhaupt aus?
Pornografie kann auf einige dieser Fragen scheinbar Antworten liefern.
Aber hier liegt auch eine Gefahr:
Pornografie ist kein realistischer Sexualkundeunterricht.
Sie zeigt produzierte Szenen, keine durchschnittlichen sexuellen Beziehungen.
10. Was schauen Frauen?
Die Forschung zeigt, dass Frauen keine einheitliche Pornografievorliebe besitzen.
Eine Untersuchung von Frauen identifizierte mehrere unterschiedliche Muster von Pornografiepräferenzen.
Ein Teil zeigte einen heterogenen Konsum verschiedener Inhalte, ein anderer eher traditionelle weibliche Präferenzen, eine weitere Gruppe ein stärkeres Interesse an Inhalten rund um weibliches Vergnügen, und eine kleinere Gruppe zeigte ein Interesse an härteren Inhalten.
Das ist ein wichtiger Punkt:
Es gibt keine „weibliche Pornografie“ im Singular.
Frauen können sich für sehr unterschiedliche Inhalte interessieren.
11. Was suchen deutsche Frauen konkret?
Bei großen Pornoplattformen lassen sich gewisse geschlechtsspezifische Suchmuster beobachten.
Allerdings muss man bei Plattformdaten vorsichtig sein.
Suchbegriffe von Pornhub-Nutzern sind nicht repräsentativ für alle deutschen Frauen.
Sie zeigen nur, wonach die Nutzerinnen und Nutzer einer bestimmten Plattform suchen.
Die Daten zeigen trotzdem, dass Frauen nicht ausschließlich nach klassischen Kategorien suchen. Neben bestimmten männlichen Körpertypen spielen beispielsweise Themen wie Beziehungen, weibliches Vergnügen, Fantasie, Rollenspiele und unterschiedliche Darstellungsformen eine Rolle.
Auch lokale beziehungsweise deutschsprachige Inhalte haben eine Bedeutung.
Das ist psychologisch plausibel: Menschen suchen häufig Inhalte, die sprachlich und kulturell näher an ihrer eigenen Lebenswelt liegen.
12. Männer in Pornografie: Was könnte Frauen daran interessieren?
Wenn Frauen heterosexuelle Pornografie betrachten, kann die Attraktivität männlicher Darsteller natürlich eine Rolle spielen.
Aber auch hier ist „Attraktivität“ nicht nur eine Frage des Körpers.
Eine Frau kann auf bestimmte Kombinationen reagieren:
- Gesicht,
- Stimme,
- Körper,
- Selbstbewusstsein,
- Verhalten,
- Ausstrahlung,
- Dominanz oder Zurückhaltung,
- emotionale Nähe,
- Aufmerksamkeit gegenüber der Partnerin.
Dabei kann sich die Fantasie einer Frau vom tatsächlichen Darsteller lösen.
Sie sieht einen Mann auf dem Bildschirm, aber ihr eigener Kopf konstruiert daraus möglicherweise eine völlig andere Person.
13. Fantasie ist nicht dasselbe wie Realität
Das ist wahrscheinlich der wichtigste Grundsatz bei der Interpretation von Pornografiekonsum.
Eine Frau kann etwas ansehen und dabei eine völlig andere Geschichte in ihrem Kopf entwickeln.
Beispielsweise kann sie einen Mann attraktiv finden, aber nicht tatsächlich mit ihm schlafen wollen.
Sie kann eine bestimmte Situation interessant finden, aber nicht erleben wollen.
Sie kann eine Fantasie genießen, die sie im wirklichen Leben niemals umsetzen würde.
Deshalb sollte man zwischen mindestens fünf Ebenen unterscheiden:
Was ich sehe.
Was mich erregt.
Was ich mir vorstelle.
Was ich gerne erleben würde.
Was ich tatsächlich tun möchte.
Diese Ebenen können übereinstimmen – müssen es aber nicht.
14. Fantasieren deutsche Frauen über Männer aus Pornos?
Es gibt keinen belastbaren Prozentsatz speziell für deutsche Jungfrauen.
Es ist jedoch wissenschaftlich gut begründet, dass Pornografie als Ausgangspunkt für sexuelle Fantasien dienen kann.
Eine qualitative Untersuchung von Frauen zeigte, dass Pornografie unter anderem für sexuelle Erregung, Masturbation, Fantasie, Entspannung, Unterhaltung, Ideen und sexuelle Selbstentdeckung verwendet wird. (PubMed)
Das bedeutet:
Eine Frau kann beispielsweise einen Mann auf dem Bildschirm sehen und daraus ihre eigene Fantasie entwickeln.
Dabei muss die Fantasie nicht exakt dem entsprechen, was auf dem Bildschirm passiert.
Die Pornografie liefert möglicherweise nur den visuellen Impuls.
Die eigentliche Geschichte entsteht im Kopf der Zuschauerin.
15. Besonders bei Jungfrauen kann Pornografie Teil der sexuellen Vorstellungskraft werden
Bei einer Frau ohne eigene sexuelle Erfahrung können Medien eine größere Rolle bei der Entwicklung sexueller Vorstellungen spielen.
Ein Mensch kann etwas, das er noch nie selbst erlebt hat, nur über andere Quellen imaginieren.
Dazu gehören:
- Filme,
- Serien,
- soziale Medien,
- Gespräche mit Freunden,
- Erzählungen,
- Literatur,
- erotische Inhalte,
- Pornografie.
Pornografie kann deshalb zu einer Art visueller Vorlage werden.
Aber sie ist nur eine Quelle.
16. Könnte eine Jungfrau ihren ersten Sex wie eine Pornoszene fantasieren?
Das ist möglich.
Es gibt jedoch keine ausreichenden Daten, um zu sagen, wie viele deutsche Jungfrauen dies tun.
Forschung zu sexuellen „Skripten“ zeigt, dass Menschen Vorstellungen darüber entwickeln, wie Sexualität ablaufen sollte.
Gerade Menschen ohne eigene Erfahrung müssen teilweise auf kulturelle Vorbilder zurückgreifen.
Eine junge Frau könnte sich deshalb beispielsweise vorstellen, dass ihr erster Sex besonders leidenschaftlich, spontan, romantisch oder aufregend sein sollte.
Sie kann dabei Elemente aus Pornografie übernehmen.
Aber auch Filme, Serien und romantische Geschichten können solche Vorstellungen beeinflussen.
17. Das Problem: Pornografie zeigt nicht den durchschnittlichen ersten Sex
Ein echter erster sexueller Kontakt unterscheidet sich normalerweise erheblich von professioneller Pornografie.
Pornografie wird produziert.
Es gibt Kameras, Beleuchtung, Auswahl der Darsteller, Inszenierung, Schnitte und eine bestimmte Dramaturgie.
Ein echter erster Sexualkontakt dagegen kann vollkommen anders aussehen.
Er kann emotional sein.
Er kann nervös sein.
Er kann langsam sein.
Es kann Unsicherheit geben.
Man kann lachen.
Man kann kommunizieren.
Man kann feststellen, dass bestimmte Dinge angenehm oder unangenehm sind.
Deshalb sollte eine Frau ihre eigene Sexualität nicht an pornografischen Darstellungen messen.
18. Wollen Frauen das, was sie anschauen?
Nicht unbedingt.
Das ist ein entscheidender Punkt.
Eine Frau kann einen bestimmten Inhalt erregend finden, ohne ihn im wirklichen Leben ausprobieren zu wollen.
Das gilt nicht nur für Frauen.
Sexuelle Fantasien funktionieren häufig anders als reale Wünsche.
Eine Fantasie kann gerade deshalb interessant sein, weil sie sicher, kontrollierbar und ohne Konsequenzen bleibt.
Eine Frau kann also einen bestimmten Mann, eine bestimmte Situation oder eine bestimmte Dynamik attraktiv finden und trotzdem wissen:
„Das möchte ich in Wirklichkeit nicht.“
Das ist kein Widerspruch.
19. Pornografie und die Fantasie vom „Fremden“
Eine interessante Frage ist, ob eine Jungfrau davon fantasieren könnte, ihren ersten Sex mit einem völlig unbekannten Mann zu erleben – beispielsweise nach einem Szenario, das sie aus Pornografie kennt.
Theoretisch ist das als Fantasie durchaus möglich.
Es gibt jedoch keine seriösen Daten, die uns erlauben würden zu sagen, wie viele deutsche Jungfrauen eine solche Fantasie haben.
Und hier ist wieder die Unterscheidung zwischen Fantasie und Realität entscheidend.
Eine Frau kann von einem unbekannten, attraktiven Mann fantasieren und gleichzeitig in der Realität nur mit einem Mann schlafen wollen, dem sie vollkommen vertraut.
20. Warum kann ein Fremder in einer Fantasie interessant sein?
Das Unbekannte gibt der Fantasie enorme Freiheit.
Eine Frau kennt den Mann nicht wirklich.
Sie weiß nicht, wie er im Alltag ist.
Sie kennt seine Schwächen nicht.
Sie weiß nicht, wie er als Partner wäre.
Dadurch kann der Kopf eine ideale Version dieses Mannes erschaffen.
Der Mann in der Fantasie ist daher nicht unbedingt der reale Mann.
Er ist eine Projektionsfläche.
Das kann erklären, warum eine Frau manchmal einen völlig unbekannten Mann in ihrer Fantasie interessanter findet als Männer, die sie tatsächlich kennt.
21. Fantasie über einen One-Night-Stand bedeutet nicht, dass eine Frau einen One-Night-Stand möchte
Auch diese Unterscheidung ist wichtig.
Eine Frau kann die Idee eines spontanen Treffens fantasievoll oder aufregend finden, ohne tatsächlich einen solchen Kontakt eingehen zu wollen.
Die Fantasie kann für sie Dinge symbolisieren wie:
- Spontaneität,
- Freiheit,
- Selbstbewusstsein,
- Begehrtwerden,
- Abenteuer,
- Neuheit,
- das Gefühl, attraktiv zu sein.
Die eigentliche sexuelle Bedeutung kann daher ganz anders sein als die äußere Handlung.
22. Was wünschen sich Frauen möglicherweise hinter der Fantasie?
Eine Pornoszene oder sexuelle Fantasie kann einen emotionalen Wunsch symbolisieren.
Zum Beispiel:
„Ich möchte begehrt werden.“
„Ich möchte mich attraktiv fühlen.“
„Ich möchte mich selbstbewusst fühlen.“
„Ich möchte einmal völlig frei von Erwartungen sein.“
„Ich möchte erleben, dass ein Mann mich sehr begehrt.“
„Ich möchte etwas Neues entdecken.“
Das bedeutet, dass der scheinbar sexuelle Inhalt einer Fantasie manchmal eine tiefere emotionale Komponente besitzt.
23. Deutsche Frauen und Sexting: ein wichtiger Hinweis
Die digitale Sexualität ist nicht auf Pornografie beschränkt.
In Deutschland wurden auch Sexting und das Versenden erotischer Bilder untersucht.
Eine nationale deutsche Untersuchung zu digitalen Sexualitäten fand eine Lebenszeitprävalenz von Pornografienutzung von 66,1 % insgesamt, wobei sie bei Männern 84,9 % und bei Frauen 47,9 % betrug.
Weitere digitale sexuelle Aktivitäten waren beispielsweise Sexting erotischer Fantasien, Dating-Apps und das Versenden erotischer Bilder. (PubMed Central (PMC))
Damit wird deutlich, dass Frauen Sexualität zunehmend auch digital erkunden.
24. Würden deutsche Jungfrauen selbst erotische Inhalte produzieren?
Auch hier gibt es keine belastbare Zahl speziell für Jungfrauen.
Aber digitale sexuelle Selbstdarstellung ist keineswegs ungewöhnlich.
Eine Frau kann beispielsweise:
- private erotische Fotos aufnehmen,
- intime Bilder für sich selbst machen,
- Inhalte mit einem Partner teilen,
- erotische Nachrichten schreiben,
- Fantasien digital ausdrücken.
Das ist etwas anderes als professionelle Pornografie.
Besonders wichtig ist der Unterschied zwischen privater Intimität und öffentlicher Veröffentlichung.
25. Mit einem Freund oder Partner ist es etwas anderes
Die Forschung zeigt, dass Frauen sexuelle Inhalte deutlich häufiger innerhalb eines Vertrauensverhältnisses teilen als mit völlig unbekannten Personen.
In einer norwegischen Studie über intime Bilder gaben 73,6 % der Frauen, die ihr letztes intimes Bild verschickt hatten, an, dass der Empfänger ihr Partner war.
Nur 6,1 % nannten einen Fremden oder eine Person, die sie ausschließlich online kannten.
Das zeigt einen deutlichen Zusammenhang zwischen digitaler sexueller Selbstdarstellung und Vertrauen. (PubMed Central (PMC))
Für eine deutsche Jungfrau bedeutet das nicht, dass sie niemals einen Fremden interessant finden könnte.
Es zeigt vielmehr, dass reales Verhalten normalerweise stärker von Sicherheit und Vertrauen beeinflusst wird als Fantasien.
26. Warum ist Vertrauen gerade beim ersten Sex wichtig?
Wenn eine Frau noch Jungfrau ist, ist der erste sexuelle Kontakt für sie möglicherweise emotional besonders bedeutend.
Sie kennt den Ablauf nicht aus eigener Erfahrung.
Deshalb können Faktoren wie Vertrauen, Kommunikation und Sicherheit besonders wichtig sein.
Eine Frau kann einen fremden Mann in einer Fantasie aufregend finden und trotzdem in Wirklichkeit einen Partner bevorzugen, mit dem sie bereits eine emotionale Beziehung aufgebaut hat.
Das ist kein Widerspruch.
Es sind zwei unterschiedliche psychologische Situationen.
27. Pornografie kann Erwartungen beeinflussen
Pornografie kann sexuelle Vorstellungen beeinflussen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass Pornografie schädlich ist.
Es bedeutet lediglich, dass wiederholte Darstellungen Teil des mentalen Bildes von Sexualität werden können.
Eine Frau, die vor ihrem ersten Sex sehr viel Pornografie konsumiert, könnte beispielsweise bestimmte Vorstellungen über:
- Körper,
- sexuelle Sicherheit,
- Aussehen,
- Dauer,
- Rollen,
- Reaktionen,
- sexuelle Fähigkeiten
entwickeln.
Diese Vorstellungen müssen jedoch nicht realistisch sein.
Gerade deshalb ist sexuelle Bildung wichtig.
28. Die Gefahr unrealistischer Erwartungen
Qualitative Untersuchungen mit Frauen zeigen, dass Pornografie gleichzeitig als Quelle für sexuelle Neugier und als Quelle unrealistischer Vorstellungen wahrgenommen werden kann. Frauen berichten unter anderem von Nutzung zur Erregung, Masturbation, Fantasie, Unterhaltung und zum Sammeln von Ideen, aber auch von problematischen Vorstellungen über Körper, Sexualität und Beziehungen. (PubMed)
Das ist wahrscheinlich die ausgewogenste Sichtweise:
Pornografie kann interessant sein, aber sie ist keine Anleitung für eine reale Beziehung.
29. Was bedeutet das für eine junge deutsche Jungfrau?
Man kann sich eine junge deutsche Frau vorstellen, die noch keinen Geschlechtsverkehr hatte.
Statistisch wäre es keineswegs überraschend, wenn sie:
- bereits von Männern angezogen wird,
- masturbiert,
- gelegentlich Pornografie konsumiert,
- sexuelle Fantasien hat,
- einen bestimmten Mann attraktiv findet,
- über eine zukünftige Beziehung nachdenkt.
Es wäre aber genauso normal, wenn sie überhaupt keine Pornografie schaut.
Die Forschung zeigt keinen einheitlichen Typ.
30. Sechs unterschiedliche Muster
Vereinfacht könnte man folgende unterschiedliche Muster beobachten:
Die Nichtnutzerin
Sie interessiert sich kaum oder gar nicht für Pornografie.
Die neugierige Zuschauerin
Sie schaut gelegentlich, um herauszufinden, was sie interessant findet.
Die Masturbationsnutzerin
Sie verbindet Pornografie hauptsächlich mit Selbstbefriedigung.
Die Fantasienutzerin
Sie verwendet pornografische Bilder eher als Ausgangspunkt für ihre eigene Fantasie.
Die Beziehungsexploriererin
Sie interessiert sich für Darstellungen von Intimität und versucht zu verstehen, wie sexuelle Beziehungen funktionieren.
Die regelmäßige Nutzerin
Sie konsumiert Pornografie relativ häufig und hat möglicherweise eine ausgeprägte persönliche Vorliebenstruktur.
Keine dieser Kategorien sagt etwas darüber aus, wann die Frau ihren ersten Geschlechtsverkehr haben wird.
31. Was bedeutet Pornografiekonsum für sexuelle Wünsche?
Ein häufiger Fehler besteht darin, Pornografiekonsum direkt als Beweis für sexuelle Absichten zu interpretieren.
Wenn eine Frau eine bestimmte Szene ansieht, bedeutet das nicht automatisch:
„Das will sie unbedingt selbst machen.“
Es kann lediglich bedeuten:
„Diese Darstellung stimuliert meine Fantasie.“
Das ist ein erheblicher Unterschied.
32. Und was bedeutet eine Fantasie über einen Pornodarsteller?
Auch hier gilt dasselbe.
Eine Frau kann einen bestimmten Darsteller attraktiv finden und sich vorstellen, wie es wäre, ihm im wirklichen Leben zu begegnen.
Das ist jedoch eine Fantasie.
Der reale Mensch ist von der medialen Figur zu unterscheiden.
Pornografie produziert eine Darstellung.
Die Zuschauerin kennt den Menschen hinter der Kamera nicht.
33. Könnte eine Jungfrau fantasieren, ihren ersten Sex wie in einem Porno zu erleben?
Ja, als Fantasie ist das möglich.
Aber die Forschung erlaubt keine seriöse Aussage darüber, wie häufig dies vorkommt.
Wahrscheinlich ist das Spektrum sehr breit.
Eine Frau könnte sich einen romantischen ersten Sex vorstellen.
Eine andere einen spontanen.
Eine dritte einen sehr leidenschaftlichen.
Eine vierte einen humorvollen und etwas unbeholfenen.
Eine fünfte könnte sich einen völlig unbekannten Mann vorstellen.
Eine sechste würde ausschließlich einen langjährigen Partner bevorzugen.
Es gibt keinen „typischen“ weiblichen Erstsex.
34. Die Realität ist meist komplexer als die Fantasie
Das gilt insbesondere für die erste sexuelle Erfahrung.
Eine Fantasie hat keine Unsicherheit.
Eine reale Beziehung dagegen schon.
Im wirklichen Leben müssen zwei Menschen kommunizieren.
Beide müssen Grenzen verstehen.
Beide müssen sich sicher fühlen.
Beide müssen entscheiden, ob sie tatsächlich bereit sind.
Deshalb kann die Realität ganz anders aussehen als die Fantasie – und trotzdem viel erfüllender sein.
35. Pornografie und sexuelle Selbstentdeckung
Ein besonders interessanter Aspekt der Forschung ist die Funktion der Selbstentdeckung.
Eine Frau kann durch verschiedene erotische Inhalte herausfinden:
„Das finde ich attraktiv.“
Oder:
„Das interessiert mich überhaupt nicht.“
Beides ist eine Form von Selbstkenntnis.
Gerade für eine Frau ohne sexuelle Erfahrung kann das interessant sein.
Sie muss eine Fantasie nicht ausprobieren, um festzustellen, dass sie sie nicht möchte.
Auch das Erkennen eigener Grenzen ist Teil sexueller Selbstentwicklung.
36. Was die Forschung über Frauen in Deutschland wirklich zeigt
Wenn man deutsche Studien, internationale Untersuchungen und aktuelle Forschung zusammen betrachtet, ergibt sich ein relativ klares Bild.
Erstens: Frauen in Deutschland konsumieren Pornografie durchaus.
Zweitens: Sie tun dies im Durchschnitt deutlich weniger häufig als Männer. (PubMed Central (PMC))
Drittens: Junge Frauen nutzen Pornografie häufiger als ältere Frauen. (PubMed Central (PMC))
Viertens: Pornografie kann für Frauen verschiedene Funktionen erfüllen – sexuelle Lust, Fantasie, Neugier, Selbstentdeckung, Unterhaltung oder Stressabbau. (PubMed Central (PMC))
Fünftens: Es gibt keine einheitliche weibliche Pornografiepräferenz.
Sechstens: Eine Jungfrau ist nicht automatisch sexuell unerfahren.
Siebtens: Pornografiekonsum bedeutet nicht automatisch den Wunsch, das Gesehene in der Realität nachzumachen.
Achtens: Fantasie und tatsächliche sexuelle Absicht müssen getrennt betrachtet werden.
Neuntens: Digitale sexuelle Aktivitäten finden bei Frauen häufig innerhalb von Vertrauensbeziehungen statt. (PubMed Central (PMC))
Zehntens: Es gibt keine ausreichenden Daten, um zu behaupten, dass deutsche Jungfrauen besonders häufig Pornografie konsumieren oder besonders häufig von One-Night-Stands mit Fremden fantasieren.
Fazit: Die sexuelle Welt einer deutschen Jungfrau kann viel umfangreicher sein, als man von außen erkennt
Die wichtigste Erkenntnis lautet:
Jungfräulichkeit beschreibt keine Persönlichkeit und keinen sexuellen Charakter.
Eine deutsche Frau kann mit 20, 25 oder 30 Jahren noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt haben und gleichzeitig eine sehr ausgeprägte Sexualität besitzen.
Sie kann masturbieren.
Sie kann Pornografie schauen.
Sie kann Männer attraktiv finden.
Sie kann sich zu bestimmten männlichen Körpern oder Gesichtern hingezogen fühlen.
Sie kann erotische Fantasien haben.
Sie kann sich vorstellen, wie eine Beziehung mit einem bestimmten Mann wäre.
Sie kann von einem Fremden fantasieren.
Sie kann sich einen romantischen ersten Sex vorstellen.
Sie kann sogar Szenarien aus Pornografie in ihre eigene Fantasiewelt übernehmen.
All das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sie diese Szenarien im wirklichen Leben umsetzen möchte.
Gerade hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen Pornografie, Fantasie und Realität.
Pornografie kann ein visueller Reiz sein.
Eine Fantasie kann daraus entstehen.
Ein Wunsch kann sich daraus entwickeln.
Aber daraus muss keine reale Handlung folgen.
Und umgekehrt kann eine Frau im wirklichen Leben etwas sehr Schönes erleben, das überhaupt nicht wie Pornografie aussieht.
Die Forschung zeigt außerdem, dass Frauen Pornografie nicht nur zur sexuellen Erregung verwenden. Neugier, Fantasie, Selbstentdeckung, Unterhaltung, Entspannung und sexuelle Selbstkenntnis spielen ebenfalls eine wichtige Rolle. (PubMed Central (PMC))
Für die Sexualität einer Jungfrau bedeutet das etwas Entscheidendes:
Der erste Geschlechtsverkehr ist nicht der Beginn ihrer Sexualität.
Ihre Sexualität kann schon lange vorher existieren – in ihren Gedanken, Fantasien, Gefühlen, ihrer körperlichen Selbstwahrnehmung und möglicherweise auch in ihrer privaten Nutzung erotischer Medien.
Eine Frau kann daher gleichzeitig Jungfrau und sexuell neugierig, fantasievoll und selbstbewusst sein.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Lektion für ein modernes Verständnis weiblicher Sexualität:
Nicht die Frage „Hat sie schon Sex gehabt?“ erklärt ihre Sexualität.
Viel aussagekräftiger sind Fragen wie:
Was empfindet sie als attraktiv?
Welche Fantasien hat sie?
Wie erlebt sie ihren eigenen Körper?
Was bedeutet sexuelles Verlangen für sie?
Welche Rolle spielen Vertrauen und emotionale Nähe?
Was möchte sie tatsächlich erleben – und was bleibt lieber eine Fantasie?
Und genau an diesem Punkt wird sichtbar, wie vielfältig weibliche Sexualität ist.
Die Statistik kann uns sagen, wie viele deutsche Frauen Pornografie nutzen. Sie kann uns zeigen, dass junge Frauen häufiger darauf zugreifen als ältere und dass Frauen im Durchschnitt deutlich weniger konsumieren als Männer. Sie kann auch Motive und Nutzungsmuster untersuchen.
Aber sie kann niemals vollständig erklären, was im Kopf einer einzelnen Frau passiert, wenn sie einen bestimmten Mann auf einem Bildschirm sieht.
Denn zwischen dem, was eine Frau sieht, dem, was sie empfindet, dem, was sie sich vorstellt, dem, was sie sich wünscht, und dem, was sie tatsächlich tun möchte, liegt ein komplexer psychologischer Raum.
Und gerade dieser Raum ist ein zentraler Bestandteil weiblicher Sexualität.