Einleitung: Kann eine Frau Jungfrau sein und gleichzeitig eine ausgeprägte Sexualität haben?
Wenn über Frauen gesprochen wird, die lange Jungfrau bleiben, entsteht schnell ein falsches Bild: Eine Jungfrau wird manchmal automatisch als sexuell unerfahren, wenig interessiert an Sexualität oder sogar als völlig sexuell inaktiv betrachtet.
Wissenschaftliche Untersuchungen zeichnen jedoch ein wesentlich komplexeres Bild.
Jungfräulichkeit und sexuelle Aktivität sind nicht dasselbe, und das Fehlen von Partnersex bedeutet keineswegs das Fehlen sexueller Wünsche.
Eine Frau kann noch nie Geschlechtsverkehr gehabt haben und trotzdem sexuelle Fantasien haben, sich zu Männern hingezogen fühlen, sich verlieben, masturbieren, sexuelle Erregung erleben und sehr häufig über Intimität oder Männer nachdenken.
Umgekehrt kann eine Frau, die bereits sexuelle Erfahrungen gemacht hat, zeitweise nur wenig sexuelles Interesse haben oder kaum masturbieren.
Genau deshalb ist die Frage interessant, ob Jungfrauen häufiger masturbieren als Frauen mit sexueller Erfahrung und ob Frauen ohne Partnersex besonders häufig über Männer fantasieren.
Die wissenschaftlich vorsichtige Antwort lautet: Es gibt keine ausreichenden Belege dafür, dass Jungfrauen grundsätzlich häufiger masturbieren als Frauen, die bereits sexuelle Erfahrungen gemacht haben. Ebenso lässt sich nicht behaupten, dass Jungfrauen automatisch mehr sexuelle Fantasien haben.
Was die Forschung dagegen sehr deutlich zeigt, ist etwas anderes: Sexuelle Wünsche, Fantasien und Masturbation können lange vor dem ersten Geschlechtsverkehr existieren.
Gerade deutsche Untersuchungen liefern hierzu interessante konkrete Zahlen.
Jungfrau zu sein bedeutet nicht, sexuell unerfahren zu sein
Eine der wichtigsten Unterscheidungen besteht darin, zwischen keinem Geschlechtsverkehr und keiner sexuellen Erfahrung zu unterscheiden.
Eine junge Frau kann beispielsweise noch keinen vaginalen Geschlechtsverkehr gehabt haben, aber bereits ihren Körper erkunden, masturbieren, sexuelle Fantasien erleben, sich verlieben oder sexuelle Anziehung verspüren.
Auch die deutsche Jugendsexualitätsforschung unterscheidet zwischen verschiedenen Formen sexueller Erfahrungen. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) sammeln Jugendliche häufig bereits vor dem ersten Geschlechtsverkehr Erfahrungen mit Küssen, körperlicher Nähe oder Petting. (BIÖG Shop)
Das bedeutet: Der erste Geschlechtsverkehr ist nicht der Beginn der menschlichen Sexualität.
Er ist vielmehr ein bestimmtes Ereignis innerhalb einer bereits bestehenden sexuellen Entwicklung.
Masturbieren Jungfrauen häufiger?
Das ist eine der interessantesten Fragen – und gleichzeitig eine, bei der man besonders vorsichtig mit pauschalen Aussagen sein muss.
Es gibt keine große repräsentative deutsche Untersuchung, die eindeutig zeigt:
„Jungfrauen masturbieren häufiger als Frauen, die bereits Geschlechtsverkehr hatten.“
Eine solche einfache Schlussfolgerung lässt sich aus der vorhandenen Forschung nicht ziehen.
Es gibt allerdings zahlreiche Hinweise darauf, dass Masturbation und sexuelle Unerfahrenheit problemlos nebeneinander existieren können.
Eine Untersuchung junger erwachsener Jungfrauen in Kanada zeigte beispielsweise, dass viele der Teilnehmer bereits verschiedene sexuelle Erfahrungen gesammelt hatten, bevor sie Geschlechtsverkehr hatten. Von 31 Teilnehmern berichteten 25 über Masturbation; darunter befanden sich auch 11 Frauen.
Das ist ein wichtiger Hinweis darauf, dass „Jungfrau“ keineswegs „ohne Sexualität“ bedeutet.
Eine Frau kann jahrelang keinen Sexualpartner haben und trotzdem eine eigene, private Sexualität entwickeln.
Deutschland: Wie verbreitet ist Masturbation bei Frauen?
Besonders interessant ist eine Untersuchung von 425 deutschen Frauen mit einem Durchschnittsalter von 26,6 Jahren.
Die Studie von Andrea Burri und Ana Carvalheira untersuchte detailliert das Masturbationsverhalten deutscher Frauen. 61,4 % der Teilnehmerinnen befanden sich zum Zeitpunkt der Untersuchung in einer festen Beziehung. (PubMed)
Das Ergebnis ist bemerkenswert:
94,5 % der befragten deutschen Frauen hatten mindestens einmal in ihrem Leben masturbiert.
Das durchschnittliche Alter bei der ersten Masturbation lag bei ungefähr 14 Jahren. 85,9 % beschrieben Masturbation als genitale Selbststimulation bis zum Orgasmus.
Auch die Häufigkeit war sehr unterschiedlich:
- 26,8 % masturbierten zwei- oder dreimal pro Woche,
- 26,3 % etwa einmal pro Woche,
- andere Frauen deutlich seltener,
- ein kleiner Teil überhaupt nicht.
Nur 5,5 % der Frauen gaben an, niemals masturbiert zu haben. Als wichtigste Gründe wurden ein sehr seltenes sexuelles Verlangen sowie die Vorstellung genannt, dass Sexualität ausschließlich mit einem Partner stattfinden sollte. (PubMed)
Damit wird bereits deutlich, wie unterschiedlich weibliche Sexualität sein kann.
Besonders interessant: Auch Frauen in Beziehungen masturbieren
Eine verbreitete Vorstellung lautet:
Eine Frau masturbiert vor allem dann, wenn sie keinen Partner hat.
Die deutsche Studie spricht deutlich gegen diese einfache Erklärung.
Von den Frauen, die in einer Beziehung waren, gaben 91,5 % an, auch während der Beziehung zu masturbieren. (PubMed)
Masturbation ist also nicht einfach ein Ersatz für fehlenden Partnersex.
Sie kann unabhängig von einer Partnerschaft existieren.
Eine Frau kann einen liebevollen Partner haben und trotzdem masturbieren. Eine andere kann Single sein und nur selten masturbieren. Eine dritte kann Jungfrau sein und regelmäßig masturbieren.
Deshalb ist es wissenschaftlich nicht sinnvoll, Masturbation allein als Maßstab für sexuelle Erfahrung zu verwenden.
Warum masturbieren Frauen?
Auch die Gründe sind vielfältig.
In der deutschen Untersuchung wurde Masturbation nicht ausschließlich mit sexueller Lust verbunden. Die Teilnehmerinnen nannten unter anderem:
- sexuelles Verlangen,
- Lust und Vergnügen,
- Entspannung,
- Stressabbau,
- allgemeines Wohlbefinden.
Die Forscher kamen deshalb zu dem Schluss, dass Masturbation für viele Frauen nicht einfach einen „Ersatz für einen Partner“ darstellt, sondern auch eine Form der Entspannung und Stressbewältigung sein kann. (PubMed)
Das ist besonders interessant für Frauen, die lange Jungfrauen bleiben.
Eine Frau muss keinen Partner haben, um sexuelles Verlangen zu erleben.
Masturbation kann vor dem ersten Geschlechtsverkehr beginnen
Das durchschnittliche Alter von etwa 14 Jahren bei der ersten Masturbation in der deutschen Untersuchung liegt deutlich unter dem typischen Alter des ersten Geschlechtsverkehrs.
Damit zeigt sich ein wichtiger Unterschied:
Die sexuelle Selbstentdeckung kann Jahre vor dem ersten Partnersex beginnen.
Eine Jugendliche kann ihren Körper und ihre sexuellen Reaktionen kennenlernen, lange bevor sie überhaupt eine Beziehung hat, in der sie Geschlechtsverkehr möchte.
Das kann vollkommen normaler Bestandteil der sexuellen Entwicklung sein.
Dabei sollte allerdings berücksichtigt werden, dass die deutsche Masturbationsstudie keine perfekte Repräsentativität für die gesamte deutsche Bevölkerung besitzt. Die Autoren selbst weisen auf die begrenzte Übertragbarkeit der Stichprobe hin. (PubMed)
Masturbieren Jungfrauen vielleicht sogar weniger?
Das ist ebenfalls möglich.
Es wäre ein Fehler, aus dem Fehlen von Partnersex automatisch auf eine höhere Masturbationshäufigkeit zu schließen.
Ein interessantes Gegenbeispiel stammt aus einer Studie aus Ägypten: Dort berichteten in der untersuchten Stichprobe verheiratete Frauen häufiger von Masturbation als Jungfrauen. Solche Daten können allerdings nicht einfach auf Deutschland oder Europa übertragen werden, weil kulturelle, religiöse und gesellschaftliche Unterschiede erheblich sind.
Das Beispiel zeigt aber ein wichtiges methodisches Problem:
Kein Partnersex bedeutet nicht automatisch mehr Masturbation.
Masturbation wird von vielen Faktoren beeinflusst – unter anderem von sexueller Lust, Einstellung zur Sexualität, Körperakzeptanz, Beziehungssituation und kulturellen Normen.
Warum können Jungfrauen trotzdem sehr häufig an Männer denken?
Hier liegt ein besonders interessanter Unterschied:
Sexuelles Verhalten und sexuelle Gedanken sind nicht dasselbe.
Eine Frau kann keinerlei sexuelle Erfahrung mit einem Partner haben und trotzdem sehr häufig an Männer denken.
Sie kann beispielsweise einen Mann attraktiv finden, den sie bei der Universität, am Arbeitsplatz, im Freundeskreis, beim Sport oder online sieht.
Sie muss dafür keine sexuelle Erfahrung mit ihm haben.
Sexuelle Anziehung entsteht nicht erst nach dem ersten Geschlechtsverkehr.
Frauen können sexuelle Fantasien haben, ohne sie umsetzen zu wollen
Sexuelle Fantasien sind ein normaler Bestandteil menschlicher Sexualität.
Sie können sich auf sehr unterschiedliche Personen und Situationen beziehen.
Eine Frau kann beispielsweise fantasieren über:
- einen Mann, den sie kennt,
- einen attraktiven Fremden,
- einen ehemaligen Partner,
- einen möglichen zukünftigen Partner,
- eine berühmte Person,
- eine vollständig erfundene Person,
- romantische Nähe,
- das Gefühl, begehrt zu werden,
- unterschiedliche Formen von Intimität.
Dabei ist ein grundlegender Unterschied wichtig:
Eine Fantasie ist keine Absicht.
Eine Frau kann über einen Mann fantasieren, ohne tatsächlich eine Beziehung mit ihm zu wollen.
Sie kann sich einen bestimmten Mann in einer Fantasie vorstellen und im realen Leben überhaupt kein Interesse daran haben, mit ihm intim zu werden.
Fantasie, Wunsch, Absicht und tatsächliches Verhalten sind unterschiedliche Dinge.
Deutschland: Was wissen wir über sexuelle Fantasien?
Auch in Deutschland wurde die Struktur sexueller Fantasien untersucht.
Eine aktuelle Studie von Forschern des Instituts für Sexualforschung, Sexualmedizin und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf untersuchte 2026 die sexuellen Fantasien einer deutschsprachigen Quotenstichprobe.
Die Untersuchung umfasste 401 Personen im Alter von 18 bis 70 Jahren, wobei 327 Fantasien tatsächlich für die detaillierte qualitative Analyse zur Verfügung standen.
Ein bemerkenswertes Ergebnis: 53,5 % der Fantasien bezogen sich auf nicht-persönliche beziehungsweise unpersönliche Gegenüber.
Die Forscher identifizierten außerdem verschiedene psychologische Motive hinter den Fantasien. Besonders häufig waren Motive zur Steigerung des Selbstwertgefühls; sie wurden bei 59,6 % der analysierten Fantasien gefunden. In 26,9 % wurden defensive oder distanzierende psychologische Prozesse festgestellt. (PubMed)
Die Studie zeigte außerdem geschlechtsspezifische Tendenzen: Frauen fantasierten häufiger über Passivität, emotionale Verbindung und das Spiel mit Grenzen, während Männer häufiger Themen wie Objektifizierung und Allmacht zeigten.
Das bedeutet jedoch nicht, dass jede Frau solche Fantasien hat.
Es handelt sich um statistische Muster innerhalb einer Stichprobe, nicht um Regeln für einzelne Frauen.
Warum können unbekannte Männer besonders interessant für Fantasien sein?
Das Unbekannte bietet der Fantasie besonders viel Raum.
Wenn eine Frau einen Mann nur oberflächlich kennt, weiß sie wenig darüber, wie er tatsächlich als Partner wäre.
Sie kennt vielleicht:
- sein Aussehen,
- seine Stimme,
- seine Körpersprache,
- seinen Humor,
- seine Kleidung,
- seinen sozialen Umgang,
- seinen Blick,
- seine Ausstrahlung.
Den Rest kann die Fantasie ergänzen.
Der tatsächliche Mann und der „Mann in der Fantasie“ können deshalb zwei völlig unterschiedliche Personen sein.
Eine Frau kann sich beispielsweise einen zurückhaltenden Bekannten als sehr selbstbewussten Partner vorstellen, obwohl sie überhaupt nicht weiß, wie er sich in einer intimen Beziehung tatsächlich verhalten würde.
Die Fantasie erzeugt dabei eine Art psychologischen Möglichkeitsraum.
Warum kann ein bestimmter Mann plötzlich ständig im Kopf auftauchen?
Emotionale Bedeutung kann sexuelle Fantasien verstärken.
Ein einziger Blick, eine Nachricht, ein Kompliment oder ein längeres Gespräch kann dazu führen, dass eine Frau häufiger über einen bestimmten Mann nachdenkt.
Es kann eine Art Kreislauf entstehen:
Anziehung → Neugier → emotionale Bedeutung → Fantasie → stärkere Aufmerksamkeit → noch mehr Fantasie.
Das bedeutet nicht unbedingt, dass die Frau eine Beziehung mit diesem Mann möchte.
Manchmal ist gerade die Fantasie intensiver als der Wunsch nach einer tatsächlichen Beziehung.
Jungfrauen können über mehrere Männer fantasieren
Auch die Vorstellung, eine Jungfrau habe zwangsläufig nur einen einzigen „Traummann“, ist wissenschaftlich nicht begründet.
Sexuelle Fantasien können sich verändern.
Eine Frau kann zu einem Zeitpunkt besonders stark über einen bestimmten Mann fantasieren und einige Wochen später einen völlig anderen Mann attraktiv finden.
Die Inhalte können sich mit Stimmung, Alter, Erfahrungen, hormonellen Veränderungen, Beziehungen und Lebenssituation verändern.
Deshalb sollte man aus einer einzelnen Fantasie keine umfassenden Aussagen über die tatsächlichen Wünsche einer Frau ableiten.
Fantasie und Realität sind zwei verschiedene Welten
Eine Frau kann beispielsweise einen bestimmten Mann sexuell attraktiv finden und gleichzeitig wissen, dass eine reale Beziehung mit ihm keine gute Idee wäre.
Umgekehrt kann sie von einem Mann fantasieren, den sie im Alltag überhaupt nicht besonders attraktiv findet.
Das ist kein Widerspruch.
Fantasien funktionieren nicht nach denselben Regeln wie reale Beziehungen.
Ein Teil ihrer Attraktivität besteht gerade darin, dass sie kontrollierbar sind und keine realen Konsequenzen haben müssen.
Wie häufig haben Frauen sexuelle Fantasien?
Auch hier gibt es keine einzige Zahl, die für alle Frauen gilt.
Eine große Untersuchung mit 3.687 Frauen zeigte, dass 52,5 % der Teilnehmerinnen sexuelle Fantasien nur gelegentlich hatten. Die Studie zeigte außerdem, dass der Zusammenhang zwischen sexueller Lust und Fantasien sehr individuell ist. (PubMed)
Das ist wichtig, weil eine Frau nicht ständig sexuelle Gedanken haben muss, um eine normale sexuelle Lust zu besitzen.
Ebenso ist eine hohe Fantasiefrequenz kein Beweis dafür, dass sie möglichst schnell Sex haben möchte.
Die weibliche sexuelle Lust funktioniert nicht immer nach einem einfachen Schema
Ein wichtiger Begriff in der modernen Sexualpsychologie ist die responsive sexuelle Lust.
Sexuelles Verlangen muss nicht immer am Anfang stehen.
Bei manchen Frauen entsteht zunächst Nähe, Aufmerksamkeit, körperliche Erregung oder ein Gefühl der Sicherheit – und erst danach entwickelt sich bewusst wahrgenommenes sexuelles Verlangen.
In einer Untersuchung von mehr als 3.600 Frauen gaben nur 15,5 % der Frauen, die sich leicht sexuell erregen konnten, an, dass sie sexuelle Aktivitäten normalerweise ausschließlich dann begannen, wenn sie vorher bereits sexuelles Verlangen verspürt hatten.
Dagegen berichteten 30,7 %, dass bei ihnen häufig oder immer zuerst Erregung und erst danach sexuelles Verlangen auftrat.
Das zeigt, warum weibliche Sexualität nicht einfach mit einem Modell wie „Lust → Sex“ erklärt werden kann.
Was bedeutet das für eine Jungfrau?
Für eine Jungfrau kann dieser Mechanismus besonders interessant sein.
Eine Frau kann beispielsweise über Monate kaum bewusst sexuelles Verlangen verspüren.
Dann lernt sie einen Mann kennen, mit dem sie sich emotional sicher fühlt.
Sie beginnt häufiger über ihn nachzudenken.
Sie bemerkt seine Stimme, seinen Geruch, seine Nähe oder seine Berührungen stärker.
Aus emotionaler Nähe kann körperliche Anziehung entstehen.
Und aus dieser körperlichen Anziehung kann wiederum sexuelles Verlangen entstehen.
Das bedeutet nicht, dass mit ihr vorher „etwas nicht stimmte“.
Ihre Sexualität hat sich lediglich in einem bestimmten Kontext aktiviert.
Masturbation kann auch eine Form der Selbsterkundung sein
Für Frauen ohne sexuelle Partnererfahrung kann Masturbation eine Möglichkeit darstellen, den eigenen Körper besser kennenzulernen.
Dabei geht es nicht nur um Orgasmus.
Eine Frau kann dabei beispielsweise feststellen:
- welche Formen von Berührung angenehm sind,
- welche Situationen sexuelle Erregung auslösen,
- wie sich Erregung verändert,
- welche Fantasien sie ansprechen,
- welche Grenzen sie hat,
- welche Dinge sie überhaupt nicht interessant findet.
Die deutsche Untersuchung zeigt außerdem, dass Masturbationshäufigkeit mit verschiedenen Faktoren zusammenhing, darunter Orgasmushäufigkeit, Offenheit für neue Erfahrungen, Körperakzeptanz und Beziehungsstatus. (PubMed)
Das macht deutlich, dass Masturbation nicht einfach als „Ersatz für einen Mann“ verstanden werden sollte.
Frauen masturbieren auch in langen Beziehungen
Ein weiterer wichtiger Punkt für das Verständnis weiblicher Sexualität ist, dass Partnerschaft und Masturbation sich nicht gegenseitig ausschließen.
Die deutsche Studie fand, dass 91,5 % der Frauen, die in einer Beziehung waren, auch innerhalb der Beziehung masturbierten. (PubMed)
Das bedeutet:
Masturbation ist nicht automatisch ein Zeichen für Einsamkeit oder einen Mangel an Partnersex.
Sie kann eine eigenständige sexuelle Aktivität sein.
Eine Frau kann ihren Partner lieben und trotzdem masturbieren.
Sie kann mit ihrem Sexualleben zufrieden sein und trotzdem masturbieren.
Und eine Frau kann Jungfrau sein und ebenfalls masturbieren.
Was denken Frauen über Männer, mit denen sie nicht zusammen sind?
Das ist eine besonders interessante Frage, weil sexuelle Fantasie häufig eine Mischung aus Wahrnehmung und Projektion darstellt.
Eine Frau kann beispielsweise einen Mann attraktiv finden, weil sie bestimmte Eigenschaften wahrnimmt:
- Selbstbewusstsein,
- Humor,
- Aussehen,
- Stimme,
- Intelligenz,
- Freundlichkeit,
- soziale Sicherheit,
- körperliche Präsenz.
Doch daraus entsteht nicht automatisch eine konkrete sexuelle Absicht.
Die Gedanken können vielmehr in Form von Fragen auftreten:
„Wie wäre es, wenn wir uns näher kennenlernen würden?“
„Findet er mich attraktiv?“
„Wie würde er reagieren, wenn ich ihm zeigen würde, dass ich ihn mag?“
„Was wäre, wenn wir einmal allein wären?“
Solche Gedanken können romantisch, emotional oder sexuell sein – und sich gegenseitig überschneiden.
Warum ist das bei jungen Frauen manchmal besonders intensiv?
Jugend und frühes Erwachsenenalter sind Phasen, in denen sich Identität, Körperbild, Partnerschaft und Sexualität stark entwickeln.
Gleichzeitig nimmt die soziale Bedeutung von Partnerschaften zu.
Eine Frau kann deshalb nicht nur über Sex nachdenken, sondern auch darüber, wie sie von Männern wahrgenommen wird.
Bin ich attraktiv?
Wirke ich selbstbewusst?
Würde dieser Mann mich wählen?
Warum schaut er mich an?
Warum schreibt er mir?
Solche Fragen können Teil der Entwicklung des sexuellen Selbstbildes sein.
Sexualität besteht deshalb nicht nur aus körperlicher Erregung, sondern auch aus Selbstwahrnehmung, emotionaler Nähe, Attraktivität und dem Wunsch, begehrt zu werden.
Frauen können fantasieren, begehrt zu werden
Eine Untersuchung zu sexuellen Fantasien zeigte, dass Frauen relativ häufig Themen einbeziehen, in denen sie selbst als begehrenswert wahrgenommen werden.
Das ist psychologisch interessant.
Die Fantasie muss also nicht nur lauten:
„Ich will diesen Mann.“
Sie kann ebenso lauten:
„Ich möchte, dass dieser Mann mich begehrt.“
Das sind zwei unterschiedliche psychologische Perspektiven.
Eine Frau kann sich vorstellen, wie ein bestimmter Mann sie wahrnimmt, wie er auf sie reagiert oder wie sich zwischen beiden eine besondere Spannung entwickelt.
Gerade für Frauen ohne sexuelle Erfahrung kann eine solche Fantasie eine Möglichkeit sein, Sexualität zunächst in einem sicheren inneren Raum zu erkunden.
Fantasie bedeutet nicht, dass eine Frau alles davon real erleben möchte
Das ist ein besonders wichtiger Punkt.
Eine sexuelle Fantasie kann etwas enthalten, das eine Frau in Wirklichkeit niemals ausprobieren möchte.
Das ist völlig anders als eine konkrete Absicht.
Wissenschaftlich sollte man deshalb zwischen folgenden Ebenen unterscheiden:
Gedanke → Fantasie → Wunsch → Absicht → tatsächliches Verhalten.
Diese fünf Dinge sind nicht identisch.
Eine Frau kann einen Gedanken interessant finden, ohne ihn als Fantasie weiterzuführen.
Sie kann eine Fantasie attraktiv finden, ohne sie als realen Wunsch zu betrachten.
Sie kann einen Wunsch haben, ohne die Absicht zu besitzen, ihn umzusetzen.
Und sie kann eine Absicht haben, ohne dass daraus tatsächlich eine Handlung wird.
Gesellschaftlicher Druck kann weibliche Sexualität unsichtbar machen
Bei der Untersuchung weiblicher Masturbation muss außerdem ein Faktor berücksichtigt werden, den Statistiken nur schwer erfassen können: Scham.
Frauen können sexuelle Gedanken oder Masturbation weniger offen berichten, wenn sie befürchten, dafür beurteilt zu werden.
Eine qualitative Untersuchung über Erfahrungen von Frauen mit Masturbation zeigte, dass weibliche Masturbation von gesellschaftlichen Vorstellungen über Weiblichkeit und Sexualität beeinflusst wird. Die Forscher beschrieben unter anderem Masturbation als Quelle von Freude und Lust, aber auch als etwas, über das Frauen häufig nicht offen sprechen. (PubMed)
Das bedeutet, dass selbst gute Studien wahrscheinlich nicht die gesamte Realität abbilden.
Eine Frau kann eine Fantasie haben, sie aber nicht in einem Fragebogen angeben.
Sie kann masturbieren, aber dies nicht offen erzählen.
Oder sie kann eine sexuelle Erfahrung anders interpretieren als die Person, die die Frage stellt.
Deutschland: Sexuelles Verhalten junger Menschen verändert sich
Auch die deutsche Jugendsexualitätsforschung zeigt, dass das Sexualverhalten junger Menschen nicht statisch ist.
Die BZgA berichtet, dass die Vorstellung, Jugendliche würden immer früher sexuell aktiv, durch neuere Untersuchungen nicht bestätigt wird.
In der neunten Welle der Jugendsexualitätsstudie zeigte sich vielmehr, dass sich die frühere Vorverlagerung des ersten Geschlechtsverkehrs wieder abschwächt. Gleichzeitig spielen feste Partnerschaften eine wichtige Rolle bei der Entwicklung sexueller Erfahrungen. (BIÖG Shop)
In den BZgA-Daten gaben beispielsweise 14- bis 17-Jährige mit fester Partnerschaft deutlich häufiger an, bereits mehr als zehnmal Geschlechtsverkehr gehabt zu haben – 70 % gegenüber 55 % bei Jugendlichen ohne feste Partnerschaft. (BIÖG Shop)
Das zeigt erneut, wie wichtig der soziale und emotionale Kontext für die sexuelle Entwicklung sein kann.
Jungfräulichkeit ist keine psychologische Diagnose
Vielleicht ist dies die wichtigste Schlussfolgerung des gesamten Themas.
Das Wort „Jungfrau“ beschreibt im Wesentlichen eine sexuelle Vorgeschichte. Es beschreibt nicht automatisch die Persönlichkeit einer Frau, ihren Sexualtrieb oder ihre Fantasiewelt.
Eine Jungfrau kann:
- sexuelles Verlangen haben,
- masturbieren,
- häufig an Männer denken,
- Männer attraktiv finden,
- sich verlieben,
- sexuelle Fantasien haben,
- über mehrere Männer fantasieren,
- sich selbst sexuell erkunden,
- neugierig auf Sexualität sein,
- gleichzeitig aber noch keinen Partnersex wollen.
Und eine sexuell erfahrene Frau kann:
- wenig masturbieren,
- selten fantasieren,
- zeitweise wenig sexuelles Interesse haben,
- oder sehr viel sexuelle Lust empfinden.
Es gibt deshalb keine wissenschaftlich begründete Gleichung wie:
Jungfrau = mehr Masturbation
oder:
Jungfrau = mehr sexuelle Fantasien.
Was sagt die Forschung tatsächlich?
Die vorhandenen Daten erlauben einige relativ sichere Schlussfolgerungen.
Erstens: Masturbation ist bei Frauen in Deutschland sehr verbreitet. In der untersuchten deutschen Stichprobe hatten 94,5 % mindestens einmal masturbiert. Das durchschnittliche Alter beim ersten Mal lag bei etwa 14 Jahren. (PubMed)
Zweitens: Masturbation hängt nicht einfach vom Vorhandensein eines Partners ab. 91,5 % der Frauen in der deutschen Studie, die in einer Beziehung waren, masturbierten ebenfalls. (PubMed)
Drittens: Sexuelle Fantasien sind ein normaler Bestandteil weiblicher Sexualität. Sie können sich auf bekannte Männer, unbekannte Männer, Partner, imaginäre Personen oder emotionale Szenarien beziehen.
Viertens: Fantasien sind nicht dasselbe wie Wünsche oder Absichten.
Fünftens: Sexuelle Lust kann bei Frauen kontextabhängig und responsiv sein. Emotionale Nähe, körperliche Anziehung, Aufmerksamkeit und Sicherheit können eine wichtige Rolle dabei spielen, wann sexuelles Verlangen entsteht.
Sechstens: Eine Frau muss keinen Geschlechtsverkehr gehabt haben, um eine ausgeprägte Sexualität zu besitzen.
Fazit: Die sexuelle Welt einer Jungfrau kann wesentlich vielfältiger sein, als es von außen erscheint
Eine Frau, die mit 20, 25, 30 oder noch später Jungfrau ist, muss keineswegs sexuell unerfahren im weiteren Sinne sein.
Sie kann ihren Körper bereits kennen.
Sie kann masturbieren.
Sie kann regelmäßig sexuelle Fantasien haben.
Sie kann sich stark zu Männern hingezogen fühlen.
Sie kann über einen bestimmten Mann nachdenken, den sie überhaupt nicht als Partner hat.
Sie kann über mehrere Männer fantasieren.
Sie kann sich wünschen, begehrt zu werden.
Sie kann gleichzeitig sehr neugierig auf Sexualität sein und trotzdem noch keinen realen Sexualpartner wollen.
Und genau darin liegt eine der wichtigsten Erkenntnisse der Sexualforschung:
Sexualität beginnt nicht mit dem ersten Geschlechtsverkehr.
Der erste Geschlechtsverkehr ist lediglich ein bestimmtes Ereignis innerhalb eines viel größeren Entwicklungsprozesses.
Die deutsche Forschung zeigt sehr deutlich, wie verbreitet Masturbation bei Frauen ist und wie vielfältig ihre Motive und Erfahrungen sind. Die aktuelle deutschsprachige Forschung zu sexuellen Fantasien zeigt gleichzeitig, dass Fantasien eine große Bandbreite besitzen und nicht einfach als direkte Wünsche nach realem Verhalten interpretiert werden dürfen. (PubMed)
Deshalb sollte die weibliche Sexualität nicht hauptsächlich anhand der Frage beurteilt werden:
„Hat diese Frau schon Sex gehabt?“
Viel interessanter und wissenschaftlich sinnvoller sind Fragen wie:
Wie erlebt sie ihren eigenen Körper?
Wie empfindet sie sexuelles Verlangen?
Welche Bedeutung haben Fantasien für sie?
Welche Grenzen und Wünsche hat sie?
Wie sicher fühlt sie sich mit ihrer Sexualität?
Und welche Rolle spielen emotionale Nähe, Vertrauen und Selbstbestimmung?
Gerade bei Frauen, die lange Jungfrau bleiben, können diese Fragen wesentlich mehr über ihre tatsächliche Sexualität aussagen als der bloße Umstand, dass sie noch keinen Geschlechtsverkehr hatten.
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis lautet daher:
Jungfräulichkeit beschreibt, ob eine bestimmte sexuelle Erfahrung stattgefunden hat – sie beschreibt nicht, wie viel Sexualität im Kopf, im Körper oder in den persönlichen Fantasien einer Frau bereits vorhanden ist.