Jungfrauen und Pornografie: Welche Inhalte Frauen sehen, wovon sie fantasieren und welche Rolle Dominanz und Unterwerfung spielen

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Ein Forschungsüberblick zur weiblichen Sexualität

Die Vorstellung, eine Frau, die noch Jungfrau ist, müsse automatisch wenig über Sexualität wissen oder kaum sexuelle Fantasien haben, entspricht nicht dem Forschungsstand. Eine Frau kann noch keinen Geschlechtsverkehr erlebt haben und trotzdem Pornografie kennen, masturbieren, Männer attraktiv finden und eine sehr ausgeprägte sexuelle Fantasiewelt besitzen.

Interessant ist deshalb weniger die Frage, ob eine Jungfrau sexuelle Fantasien hat, sondern welche Inhalte sie ansprechen, welche Bedeutung diese Fantasien haben und ob das, was sie in Pornografie interessant findet, tatsächlich ihrem Wunsch nach realen Erfahrungen entspricht.

Gerade bei Frauen muss dabei zwischen Pornografiekonsum, sexueller Erregung, Fantasie, Wunsch und tatsächlichem Verhalten unterschieden werden.

Welche Pornografie interessiert Frauen?

Eine Untersuchung mit 206 Frauen identifizierte vier unterschiedliche Muster von Pornografiepräferenzen: einen heterogenen Konsum verschiedener Genres (39 %), einen eher traditionell weiblich geprägten Typ (27 %), einen Schwerpunkt auf weiblichem Lustempfinden (23 %) sowie eine kleinere Gruppe mit Präferenzen für rauere beziehungsweise gewalthaltige Inhalte (11 %). (PubMed)

Das ist ein wichtiger Befund, weil er zeigt, dass es keine einheitliche „weibliche Pornografie“ gibt.

Einige Frauen interessieren sich stärker für romantische oder beziehungsorientierte Szenarien, andere für männliche Darsteller, wieder andere für weibliches Lustempfinden, Rollenspiele oder ungewöhnlichere Szenarien. Eine kleinere Gruppe findet auch Dominanz- oder Unterwerfungsthemen interessant.

Bei einer Jungfrau kann Pornografie außerdem eine besondere Funktion besitzen: Sie kann als Fantasieraum dienen, in dem sexuelle Möglichkeiten erkundet werden können, ohne dass die Frau diese Erfahrungen tatsächlich machen muss.

Eine deutsche Untersuchung mit 1.197 Universitätsstudenten kam zu einem besonders interessanten Ergebnis: Es gab zwar einen Zusammenhang zwischen pornografischen Vorlieben und realen sexuellen Erfahrungen, aber ein erheblicher Teil der Teilnehmer wollte die im Porno interessanten Praktiken ausdrücklich nicht selbst erleben. Dieser Unterschied war bei ungewöhnlicheren Praktiken besonders deutlich. (PubMed)

Damit wird eine wichtige Fehlannahme widerlegt:

Was eine Frau im Porno interessant findet, ist nicht automatisch das, was sie im wirklichen Leben ausprobieren möchte.

Fantasiert eine Jungfrau über ihren Freund oder über einen fremden Mann?

Beides ist möglich.

Wenn eine Frau einen Freund, einen guten Bekannten oder einen Mann hat, in den sie verliebt ist, kann ihre Fantasie sehr stark auf diese konkrete Person ausgerichtet sein. Emotionale Nähe und körperliche Anziehung können sich gegenseitig verstärken.

Eine Frau kann sich beispielsweise vorstellen, wie es wäre, diesem Mann näherzukommen, von ihm begehrt zu werden oder mit ihm eine intime Beziehung aufzubauen.

Daneben existiert aber auch eine völlig andere Form der Fantasie: der unbekannte Mann.

Ein Fremder eignet sich besonders gut als Projektionsfläche, weil die Frau ihn nicht wirklich kennt. Sie kann ihm Eigenschaften zuschreiben, die sie attraktiv findet: Selbstbewusstsein, Stärke, Geheimnis, Attraktivität oder eine besondere Ausstrahlung.

Dabei ist der „Mann“ in ihrer Fantasie nicht unbedingt derselbe Mensch wie der reale Mann.

Die Fantasie ergänzt die fehlenden Informationen.

Und was ist mit Männern aus Pornofilmen?

Auch hier ist die Situation komplex.

Eine Frau kann einen Darsteller attraktiv finden und sich vorstellen, wie es wäre, einem solchen Mann im wirklichen Leben zu begegnen. Das bedeutet aber nicht, dass sie tatsächlich mit diesem konkreten Mann zusammen sein möchte.

Pornografie kann vielmehr einen visuellen Ausgangspunkt für eine eigene Fantasie liefern.

Eine deutsche Untersuchung über Pornografie und reale Sexualität kam genau zu diesem interessanten Schluss: Pornografiekonsum kann einen eigenen „intimen Raum“ für sexuelle Fantasien bilden, der nicht vollständig mit dem realen Sexualleben identisch ist. (PubMed)

Das ist besonders relevant für Jungfrauen. Eine Frau ohne eigene sexuelle Erfahrung kann in ihrer Vorstellung einen Film, einen Darsteller oder eine Szene als Ausgangspunkt nehmen und daraus einen ganz eigenen mentalen Ablauf entwickeln.

Warum interessieren sich manche Frauen für etwas raueren Sex?

Auch hier sollte man nicht von „Frauen“ als einheitlicher Gruppe sprechen.

Forschungen zeigen jedoch, dass Frauen durchaus Fantasien mit Dominanz, Unterwerfung und Machtunterschieden haben können. Eine aktuelle Studie von 2024 bestätigte beispielsweise frühere Befunde, nach denen Frauen im Durchschnitt stärker als Männer zu Fantasien über sexuelle Unterwerfung tendieren. Gleichzeitig verschwand der statistische Geschlechterunterschied weitgehend, wenn Alter und verschiedene soziokulturelle Faktoren berücksichtigt wurden. (PubMed)

Das ist ein wichtiger Hinweis:

Eine submissive Fantasie bedeutet nicht automatisch, dass eine Frau im Alltag submissiv ist.

Im Gegenteil, Forschung hat bereits gezeigt, dass auch selbstbewusste und dominante Frauen Fantasien über Unterwerfung haben können. (PubMed)

Die Fantasie kann also gerade deshalb interessant sein, weil die Frau im Alltag normalerweise viel Kontrolle besitzt.

Was bedeutet „Submissivität“ in einer Fantasie?

Submissivität muss nicht mit Gewalt oder tatsächlicher Grenzüberschreitung gleichgesetzt werden.

In einer Fantasie kann sie vielmehr bedeuten, dass die Frau vorübergehend Verantwortung und Kontrolle abgibt.

Psychologisch kann das verschiedene Bedeutungen haben:

  • nicht selbst entscheiden müssen,
  • sich vollständig begehrt fühlen,
  • einen besonders selbstbewussten Partner erleben,
  • Kontrolle vorübergehend abgeben,
  • Vertrauen demonstrieren,
  • sich fallen lassen,
  • eine ungewöhnliche emotionale Spannung erleben.

Dabei bleibt entscheidend, dass eine Fantasie nicht automatisch eine reale Handlung beschreibt.

Eine Frau kann eine Fantasie über Unterwerfung aufregend finden und im wirklichen Leben sehr klare Grenzen besitzen.

Warum kann gerade eine Jungfrau solche Fantasien haben?

Eine Frau muss keine sexuelle Erfahrung besitzen, um sich Macht- oder Beziehungsdynamiken vorzustellen.

Im Gegenteil: Fantasie ermöglicht es, Situationen zu erkunden, die man noch nie selbst erlebt hat.

Eine Jungfrau könnte beispielsweise darüber fantasieren, wie es wäre, wenn ein besonders selbstbewusster Mann die Initiative übernimmt.

Das kann romantisch, emotional oder erotisch interpretiert werden.

Dabei muss die Frau nicht unbedingt die konkrete Handlung wollen. Vielleicht interessiert sie vor allem das Gefühl, das dahintersteht: begehrt zu werden, Aufmerksamkeit zu bekommen oder sich jemandem vollkommen anzuvertrauen.

Die Fantasie vom Fremden

Ein weiteres häufig diskutiertes Motiv ist die Fantasie eines unbekannten Mannes.

Auch hier sollte man zwischen Fantasie und Realität unterscheiden.

Ein Fremder kann in der Vorstellung für:

  • Abenteuer,
  • Neuheit,
  • Freiheit,
  • Selbstbewusstsein,
  • Anonymität,
  • spontane Anziehung

stehen.

In der Realität kann dieselbe Frau dagegen großen Wert auf Vertrauen und Sicherheit legen.

Die Fantasie „Fremder“ muss deshalb nicht bedeuten:

„Ich möchte tatsächlich mit einem unbekannten Mann Sex haben.“

Sie kann vielmehr bedeuten:

„Die Vorstellung von etwas völlig Neuem und Unbekanntem finde ich aufregend.“

Pornografie und sexuelle Neugier

Eine internationale Studie mit mehr als 46.000 Frauen aus 42 Ländern zeigte, dass Frauen Pornografie aus unterschiedlichen Gründen verwenden. Zu den wichtigen Motiven gehören sexuelle Lust und sexuelle Neugier, aber auch Fantasie, Selbstentdeckung, Stressabbau, Langeweile und emotionale Ablenkung. (PubMed)

Gerade sexuelle Neugier kann bei einer Jungfrau eine besondere Rolle spielen.

Sie besitzt noch keine eigenen Erfahrungen mit einem Partner und kann deshalb versuchen, Sexualität zunächst gedanklich zu erkunden.

Pornografie kann dabei eine Art „Vorstellungsmaterial“ liefern.

Sie zeigt allerdings keine durchschnittliche Realität.

Wenn Fantasie und Pornografie miteinander verschmelzen

Eine Frau kann einen Pornofilm ansehen und anschließend nicht über die Darsteller selbst fantasieren, sondern über eine Situation, die der Film ausgelöst hat.

Beispielsweise kann die Fantasie anschließend einen völlig anderen Mann enthalten – etwa einen Bekannten, einen zukünftigen Partner oder eine imaginäre Person.

Der Pornofilm ist dann lediglich der Auslöser, nicht das eigentliche Ziel der Fantasie.

Deshalb wäre es falsch, aus der Wahl eines bestimmten Pornogenres direkt auf die Wünsche einer Frau zu schließen.

Die häufigsten Fantasie-Muster mit submissiven Elementen

Wenn man die Forschung zu weiblichen Fantasien, Pornografiepräferenzen und Unterwerfung zusammenführt, lassen sich einige nicht-grafische Fantasiemuster beschreiben:

1. Der selbstbewusste Partner

Die Frau stellt sich einen sehr selbstsicheren Mann vor, der die Initiative übernimmt, während sie sich zurücklehnen und die Situation auf sich zukommen lassen kann.

2. Die freiwillige Machtabgabe

Im Mittelpunkt steht weniger eine konkrete Handlung als das Gefühl, für einen Moment nicht alles kontrollieren zu müssen und einem vertrauenswürdigen Partner die Führung zu überlassen.

3. Der geheimnisvolle Fremde

Ein unbekannter, attraktiver Mann erscheint als Projektionsfigur für Abenteuer, Neuheit und spontane Anziehung.

4. Der begehrte Mittelpunkt

Die Fantasie dreht sich darum, dass die Frau besonders begehrt, attraktiv und selbstbewusst wahrgenommen wird.

5. Der starke Partner innerhalb einer Beziehung

Die Frau stellt sich eine Situation vor, in der ihr vertrauter Partner deutlich bestimmter auftritt als gewöhnlich, während sie selbst eine passivere Rolle einnimmt.

6. Die Fantasie vom „Pornoszenario“

Einige Frauen können Elemente aus gesehenen Pornofilmen in ihre eigene Fantasie übernehmen – jedoch häufig stark verändert und mit eigenen Personen, Emotionen und Vorstellungen.

7. Die Kombination aus Vertrauen und Unterwerfung

Besonders interessant ist die Verbindung von emotionaler Sicherheit und Machtabgabe: Die Frau möchte sich fallen lassen, gerade weil sie dem Partner vertraut.


Fazit

Die Forschung zeichnet kein Bild der „typischen Jungfrau“, sondern eine außerordentlich vielfältige Landschaft weiblicher Sexualität.

Jungfrauen können Pornografie schauen, über ihren Freund fantasieren, sich einen attraktiven Fremden vorstellen oder Szenarien aus pornografischen Filmen in ihre eigene Fantasiewelt übernehmen.

Ein Teil der Frauen interessiert sich auch für Dominanz- und Unterwerfungsthemen. Die Forschung zeigt sogar, dass Frauen im Durchschnitt stärker zu submissiven sexuellen Fantasien neigen können als Männer – wobei kulturelle und persönliche Faktoren einen erheblichen Teil dieses Unterschieds erklären. (PubMed)

Besonders wichtig ist jedoch die Trennung zwischen Fantasie und Realität.

Eine Frau kann etwas fantasievoll oder pornografisch interessant finden, ohne es jemals tatsächlich erleben zu wollen. Die deutsche Forschung bestätigt diese Differenz ausdrücklich. (PubMed)

Und genau darin liegt vielleicht der interessanteste Aspekt weiblicher Sexualität: Die Fantasiewelt einer Frau muss kein Drehbuch für ihr reales Sexualleben sein. Sie kann ein geschützter Raum sein, in dem Neugier, Anziehung, Macht, Vertrauen, Abenteuer und Selbstbild ausprobiert werden, lange bevor eine Frau entscheidet, was sie tatsächlich erleben möchte.

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