Die Frage, ob junge Männer insgeheim davon träumen, eine Jungfrau als Freundin oder zukünftige Partnerin zu haben, taucht immer wieder in Diskussionen über Dating, Sexualität, Liebe und Geschlechterrollen auf. Besonders im Internet findet man häufig die Behauptung, Männer würden eine unerfahrene Frau grundsätzlich attraktiver finden, weil sie angeblich „besonderer“, treuer oder leichter zu beeindrucken sei.
Doch stimmt das tatsächlich?
Die wissenschaftliche Antwort ist wesentlich differenzierter. Es gibt Forschung, die sich mit Einstellungen zur weiblichen Jungfräulichkeit, sexuellen Doppelmoral, Partnerpräferenzen und Vorstellungen über Sexualität beschäftigt. Gleichzeitig gibt es erstaunlich wenige belastbare Studien, die exakt die Frage beantworten: Wie viele junge Männer in Deutschland wünschen sich ausdrücklich eine Jungfrau als Partnerin?
Eine solche Zahl lässt sich aus der vorhandenen Forschung nicht seriös ableiten. Was sich dagegen untersuchen lässt, sind Einstellungen gegenüber Jungfräulichkeit, sexuelle Normen, Vorstellungen über ideale Partnerinnen und die Frage, welche Bedeutung sexuelle Erfahrung bei der Partnerwahl tatsächlich besitzt.
Gerade die deutsche und europäische Forschung zeigt dabei ein interessantes Bild: Traditionelle Vorstellungen über Sexualität sind keineswegs verschwunden, aber sie stehen neben zunehmend egalitären Vorstellungen von Beziehungen, Sexualität und Partnerschaft.
Was bedeutet „Jungfrau“ überhaupt?
Bevor man die Frage nach männlichen Präferenzen beantworten kann, muss man klären, was mit „Jungfrau“ eigentlich gemeint ist.
Im alltäglichen Sprachgebrauch bedeutet Jungfräulichkeit meistens, dass eine Person noch keinen Geschlechtsverkehr hatte. Wissenschaftlich ist diese Definition jedoch keineswegs so eindeutig, wie sie zunächst erscheint.
Eine Studie mit 987 jungen Erwachsenen aus deutschsprachigen Ländern untersuchte beispielsweise, wie Menschen überhaupt definieren, wann Jungfräulichkeit verloren geht. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bewerteten unterschiedliche intime Verhaltensweisen und zeigten dabei, dass ihre Definition davon abhängen konnte, welches Geschlecht die beteiligten Personen hatten und in welchem Beziehungskontext die Situation stattfand. (PubMed)
Das ist wichtig, weil bereits der Begriff „sexuelle Erfahrung“ unterschiedlich verstanden werden kann.
Ein Mann könnte beispielsweise unter „unerfahren“ verstehen:
- noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt zu haben,
- nur wenige romantische Beziehungen gehabt zu haben,
- wenig sexuelle Erfahrung zu besitzen,
- keine langfristige Beziehung gehabt zu haben,
- oder überhaupt noch keine sexuelle Erfahrung gemacht zu haben.
Deshalb sollte man vorsichtig sein, wenn Umfragen über „Jungfräulichkeit“ miteinander verglichen werden.
Wünschen sich junge Männer tatsächlich eine Jungfrau?
Die kurze Antwort lautet: Bei einem Teil der Männer kann Jungfräulichkeit durchaus eine positive Bedeutung haben, aber die Forschung rechtfertigt nicht die Aussage, dass junge Männer generell eine Jungfrau als Partnerin bevorzugen.
Das ist ein entscheidender Unterschied.
Es gibt Männer, die sexuelle Unerfahrenheit attraktiv finden. Andere bevorzugen eine Partnerin mit ähnlicher sexueller Erfahrung wie sie selbst. Wieder andere betrachten die sexuelle Vergangenheit einer Partnerin als nahezu irrelevant.
Bei langfristigen Beziehungen spielen zahlreiche andere Eigenschaften eine Rolle.
Eine große internationale Untersuchung mit mehr als 218.000 Teilnehmern aus 53 Ländern untersuchte beispielsweise, welche Eigenschaften Menschen bei potenziellen Partnern bevorzugen. Zu den besonders wichtigen Eigenschaften gehörten Intelligenz, Humor, Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Attraktivität, Werte, Kommunikationsfähigkeit und Zuverlässigkeit. Männer bewerteten körperliche Attraktivität im Durchschnitt höher als Frauen, während Frauen unter anderem Ehrlichkeit, Humor, Freundlichkeit und Zuverlässigkeit höher bewerteten. (PubMed)
Bemerkenswert ist dabei: Jungfräulichkeit gehörte nicht zu den zentralen universellen Partnermerkmalen.
Das spricht gegen die vereinfachte Vorstellung, dass männliche Partnerwahl grundsätzlich von der sexuellen Unerfahrenheit einer Frau dominiert wird.
Warum existiert trotzdem die Vorstellung vom „Traum von der Jungfrau“?
Die Vorstellung hat mehrere mögliche Quellen.
Eine davon sind traditionelle Geschlechterrollen.
In vielen Gesellschaften wurde weibliche sexuelle Zurückhaltung historisch stärker bewertet als männliche sexuelle Zurückhaltung. Eine Frau sollte „keine sexuelle Vergangenheit“ haben, während Männer gleichzeitig als sexuell erfahren gelten durften.
Diese unterschiedliche Bewertung wird in der Forschung als sexuelle Doppelmoral bezeichnet.
Eine große Meta-Analyse von 99 Studien mit insgesamt mehr als 123.000 Teilnehmern untersuchte genau dieses Phänomen. Die Forscher fanden Hinweise darauf, dass traditionelle sexuelle Doppelmoral weiterhin existiert: Häufige sexuelle Aktivität wurde bei Männern teilweise positiver oder erwartbarer bewertet als bei Frauen. Gleichzeitig unterschieden sich die Ergebnisse je nach Land, Messmethode und untersuchtem Verhalten erheblich. (PubMed)
Das bedeutet:
Die Vorstellung „Ein Mann darf Erfahrung haben, eine Frau sollte keine haben“ ist keine reine Fantasie aus dem Internet. Sie hat historische und kulturelle Wurzeln.
Aber daraus folgt keineswegs, dass diese Einstellung heute von der Mehrheit junger Männer vertreten wird.
Deutschland: Was wissen wir über sexuelle Einstellungen?
Für Deutschland existieren inzwischen umfangreiche Untersuchungen über Sexualität und sexuelle Einstellungen.
Eine wichtige Datenquelle ist die GeSiD-Studie – Gesundheit und Sexualität in Deutschland. Eine Untersuchung auf Basis von 4.955 Personen untersuchte sexuelle Einstellungen in der deutschen Bevölkerung.
Dabei zeigte sich unter anderem, dass Geschlecht, Bildung, religiöse Bindung und kultureller Hintergrund mit Einstellungen zu verschiedenen sexuellen Verhaltensweisen zusammenhängen. Die Autoren stellten außerdem fest, dass Männer im Durchschnitt häufiger traditionellere und stärker heteronormative Geschlechterrollen vertraten als Frauen. (PubMed)
Das ist für die Jungfräulichkeitsfrage relevant.
Denn wenn Männer im Durchschnitt teilweise traditionellere Vorstellungen über Geschlechterrollen haben, kann dies auch die Bewertung weiblicher sexueller Erfahrung beeinflussen.
Aber auch hier gilt:
Eine traditionellere Einstellung bedeutet nicht automatisch den Wunsch nach einer Jungfrau als Partnerin.
Zwischen „traditionellere Geschlechterrolle“ und „Ich möchte unbedingt eine Jungfrau heiraten“ liegen mehrere gedankliche Schritte.
Junge Männer in Deutschland sind sexuell keineswegs alle gleich
Ein weiterer wichtiger Punkt wird häufig übersehen: „junge Männer“ sind keine homogene Gruppe.
Ein 18-jähriger Schüler, ein 22-jähriger Student, ein 27-jähriger Berufstätiger und ein 30-jähriger Mann in einer langjährigen Beziehung können vollkommen unterschiedliche Vorstellungen über Liebe und Sexualität haben.
Auch die deutsche Forschung zeigt deutliche Unterschiede innerhalb jüngerer Generationen.
Eine Pilotstudie für GeSiD untersuchte 1.155 Personen zwischen 18 und 75 Jahren. Bei den 18- bis 30-Jährigen zeigte sich unter anderem, dass junge Männer in mehreren Bereichen teilweise weniger sexuelle Erfahrungen gesammelt hatten als ältere Generationen. (PubMed)
Das ist interessant, weil die Vorstellung vom „jungen Mann, der möglichst viel sexuelle Erfahrung sammeln möchte“ offensichtlich nicht auf jeden jungen Mann passt.
Für manche Männer ist eine Partnerin mit wenig Erfahrung deshalb möglicherweise sogar leichter vorstellbar, weil sie selbst wenig Erfahrung haben.
Könnte ein unerfahrener Mann eine unerfahrene Frau bevorzugen?
Das ist durchaus plausibel.
Wenn zwei Menschen ähnliche Erfahrungen haben, kann dadurch das Gefühl entstehen, gemeinsam etwas Neues zu entdecken.
Ein junger Mann, der selbst noch wenig sexuelle Erfahrung besitzt, könnte beispielsweise eine unerfahrene Partnerin als weniger einschüchternd wahrnehmen.
Dabei geht es nicht unbedingt um Jungfräulichkeit als solche.
Es könnte vielmehr um gegenseitige Unerfahrenheit gehen.
Der Unterschied ist erheblich.
„Ich möchte eine Jungfrau“ bedeutet:
Die sexuelle Vergangenheit meiner Partnerin ist für mich ein wichtiges Auswahlkriterium.
„Ich möchte jemanden, der ähnlich wenig Erfahrung hat wie ich“ bedeutet dagegen:
Ich möchte mich in einer Beziehung nicht aufgrund meiner sexuellen Unerfahrenheit unterlegen fühlen.
Diese beiden Motive sollten wissenschaftlich nicht miteinander verwechselt werden.
Spielt Konkurrenz mit früheren Partnern eine Rolle?
Eine weitere mögliche Erklärung für die Faszination mit Jungfräulichkeit ist der Wunsch, sich nicht mit früheren Partnern vergleichen zu müssen.
Ein Mann könnte beispielsweise denken:
„Wenn sie noch keine Beziehung hatte, muss ich mich nicht mit einem früheren Freund vergleichen.“
Das ist allerdings eine psychologische Interpretation und keine allgemeingültige Erklärung.
Interessant ist, dass Forschung zu sexuellen Einstellungen tatsächlich zeigt, dass gesellschaftliche Vorstellungen, Geschlechterrollen und Erwartungen anderer Menschen das eigene Sexualverhalten beeinflussen können.
Eine deutsche Studie mit jungen Erwachsenen untersuchte beispielsweise traditionelle sexuelle Skripte und stellte fest, dass manche Männer negativ auf sexuell selbstbewusstes Verhalten von Frauen reagierten. Die Forscher fanden allerdings ebenfalls Hinweise darauf, dass nicht ausschließlich eine klassische Geschlechterdoppelmoral dahinterstand, sondern teilweise eine allgemein konservative Einstellung gegenüber sexueller Selbstbestimmung. (PubMed)
Das zeigt, wie kompliziert die Angelegenheit ist.
Die „Jungfrau-Fantasie“ ist nicht dasselbe wie eine reale Partnerpräferenz
Man muss außerdem zwischen Fantasie und tatsächlicher Partnerwahl unterscheiden.
Menschen können von Eigenschaften fantasieren, die bei der realen Partnersuche kaum eine Rolle spielen.
Ein Mann kann beispielsweise die Vorstellung einer völlig unerfahrenen Partnerin interessant finden, während er im wirklichen Leben eine Frau aufgrund ihrer Persönlichkeit, ihres Humors, ihrer Attraktivität und ihrer emotionalen Kompatibilität auswählt.
Fantasien sind nicht automatisch Partnerpräferenzen.
Und Partnerpräferenzen sind wiederum nicht automatisch die tatsächlichen Entscheidungen, die Menschen später treffen.
Genau deshalb sind Aussagen wie „Männer wollen Jungfrauen“ wissenschaftlich viel zu pauschal.
Was sagt die Forschung über deutsche Männer und Jungfräulichkeitsvorstellungen?
Besonders interessant ist eine Studie mit deutschsprachigen heterosexuell identifizierten Frauen und Männern.
Die Untersuchung umfasste 536 Frauen und 181 Männer mit einem Durchschnittsalter von 23,6 Jahren. Die Forscher beschäftigten sich mit Vorstellungen über Jungfräulichkeit, negativen Erfahrungen beim Verlust der Jungfräulichkeit und sexueller Leistungsangst. (PubMed)
Die Ergebnisse zeigen, dass Vorstellungen über den „richtigen“ Zeitpunkt des Verlusts der Jungfräulichkeit tatsächlich psychologisch relevant sein können.
Bei Männern waren negative Erfahrungen und sexuelle Leistungsangst insbesondere dann häufiger, wenn der Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehrs nicht mit den eigenen Vorstellungen über Jungfräulichkeit übereinstimmte. (PubMed)
Das ist ein sehr wichtiger Befund.
Denn Jungfräulichkeit ist nicht nur eine Eigenschaft, die Männer bei Frauen beurteilen.
Auch Männer selbst haben Vorstellungen darüber, wann sie selbst „zu früh“, „zu spät“ oder „normal“ sexuelle Erfahrungen sammeln sollten.
Der Druck auf Männer wird oft vergessen
Wenn über Jungfräulichkeit gesprochen wird, wird häufig ausschließlich über Frauen gesprochen.
Dabei kann Jungfräulichkeit auch für Männer eine erhebliche soziale Bedeutung haben.
Ein junger Mann, der mit 21 oder 22 noch keine sexuelle Erfahrung besitzt, kann das Gefühl entwickeln, hinter Gleichaltrigen zurückzuliegen.
Er könnte sich fragen:
- Bin ich attraktiv genug?
- Warum hatte ich noch keine Freundin?
- Werden Frauen mich unerfahren finden?
- Werden andere Männer mich dafür auslachen?
- Muss ich sexuelle Erfahrungen sammeln, bevor ich eine ernsthafte Beziehung eingehe?
Eine Studie über sexuelle Vorstellungen bei deutschsprachigen jungen Erwachsenen zeigt genau, dass Jungfräulichkeitsvorstellungen mit sexuellen Erfahrungen und Leistungsangst verbunden sein können. (PubMed)
Das verändert die Perspektive.
Der Wunsch nach einer unerfahrenen Partnerin könnte bei manchen Männern teilweise auch mit der eigenen Unsicherheit zusammenhängen.
„Sie soll noch Jungfrau sein“ – welche Motive könnten dahinterstehen?
Wenn ein junger Mann tatsächlich ausdrücklich eine Jungfrau als Partnerin bevorzugt, können dahinter sehr unterschiedliche Vorstellungen stehen.
Emotionale Exklusivität
Manche Männer verbinden Jungfräulichkeit mit dem Wunsch nach einer besonders exklusiven Beziehung.
Die Vorstellung lautet dann ungefähr:
„Wir erleben unsere erste sexuelle Beziehung gemeinsam.“
Dabei steht nicht unbedingt die Jungfräulichkeit selbst im Mittelpunkt, sondern die Idee einer gemeinsamen ersten Erfahrung.
Weniger Vergleich mit früheren Partnern
Einige Männer könnten befürchten, mit früheren Partnern verglichen zu werden.
Eine unerfahrene Partnerin kann ihnen subjektiv das Gefühl geben, dass dieser Vergleich nicht existiert.
Traditionelle Werte
Bei manchen Menschen spielt eine konservative oder religiöse Vorstellung über Sexualität eine Rolle.
Die deutsche Forschung zeigt, dass religiöse Bindung und kulturelle Faktoren mit Einstellungen zu Sexualität zusammenhängen können. (PubMed)
Persönliche Unsicherheit
Ein Mann mit wenig eigener Erfahrung könnte sich bei einer ebenfalls unerfahrenen Frau sicherer fühlen.
Romantische Fantasie
Manche Männer verbinden Jungfräulichkeit mit Romantik, „erster großer Liebe“ oder einer besonders intensiven emotionalen Verbindung.
Kontrolle oder Besitzdenken
Bei manchen Menschen kann allerdings auch ein problematischeres Motiv dahinterstehen: die Vorstellung, eine Partnerin ohne sexuelle Vergangenheit sei leichter zu kontrollieren oder emotional stärker an den ersten Partner gebunden.
Für eine solche Annahme gibt es jedoch keinen Grund, sie auf Männer allgemein zu übertragen.
Gibt es Männer, die Jungfrauen ausdrücklich attraktiver finden?
Ja, solche Männer gibt es.
Die Forschung erlaubt aber nicht die Aussage, dass dies die Mehrheit junger Männer in Deutschland sei.
Interessant ist hier eine größere Meta-Analyse aus dem Jahr 2024. Sie untersuchte 138 Studien zur Frage, ob männliche Tiere beziehungsweise Männchen Jungfrauen gegenüber bereits verpaarten Weibchen bevorzugen. Die Analyse fand tatsächlich eine allgemeine Präferenz für Jungfräulichkeit bei vielen untersuchten Tierarten. Gleichzeitig betonten die Autoren jedoch die große Heterogenität der Ergebnisse und warnten davor, daraus einfache Aussagen über menschliches Partnerwahlverhalten abzuleiten. (PubMed)
Gerade im Internet wird solche Forschung manchmal benutzt, um zu behaupten:
„Männer sind biologisch programmiert, Jungfrauen zu bevorzugen.“
Das ist wissenschaftlich nicht gerechtfertigt.
Die Untersuchung bezog sich überwiegend auf nichtmenschliche Tiere und kann nicht einfach auf menschliche Beziehungen übertragen werden.
Menschen leben in komplexen sozialen und kulturellen Systemen.
Biologie allein erklärt menschliche Partnerwahl nicht
Beim Menschen spielen biologische, psychologische und kulturelle Faktoren zusammen.
Partnerwahl wird beeinflusst durch:
- körperliche Attraktivität,
- Persönlichkeit,
- emotionale Nähe,
- gemeinsame Werte,
- soziale Herkunft,
- Religion,
- Bildung,
- Familienvorstellungen,
- kulturelle Normen,
- persönliche Erfahrungen,
- Bindungsstile,
- sexuelle Kompatibilität,
- Kommunikation,
- Vertrauen.
Eine große internationale Untersuchung zu Partnerpräferenzen zeigt beispielsweise, dass Persönlichkeitseigenschaften wie Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Humor und Zuverlässigkeit sehr hoch bewertet werden. (PubMed)
Das macht die Vorstellung eines einzigen entscheidenden Merkmals – etwa Jungfräulichkeit – wenig plausibel.
Deutschland ist nicht gleich Europa
Auch „Europa“ sollte nicht als einheitliche sexuelle Kultur betrachtet werden.
Sexuelle Einstellungen unterscheiden sich zwischen europäischen Ländern und sozialen Gruppen.
Eine deutsche Übersicht über europäische Sexualforschung weist ausdrücklich darauf hin, dass Studien aus verschiedenen europäischen Ländern sich hinsichtlich Methoden, Stichproben und untersuchten Themen stark unterscheiden. Deshalb sind direkte länderübergreifende Vergleiche oft schwierig. (PubMed)
Ein junger Mann in Deutschland kann deshalb völlig andere Vorstellungen haben als ein junger Mann in Italien, Polen, Schweden oder Spanien.
Auch innerhalb Deutschlands gibt es Unterschiede nach:
- Alter,
- Bildungsniveau,
- Religion,
- sozialem Umfeld,
- Migrationsgeschichte,
- Region,
- persönlicher Beziehungserfahrung.
Eine pauschale Aussage über „die jungen Männer Europas“ wäre daher wissenschaftlich problematisch.
Traditionelle Jungfräulichkeitsvorstellungen existieren weiterhin
Trotz zunehmender sexueller Liberalisierung sind traditionelle Vorstellungen nicht vollständig verschwunden.
Die deutsche GeSiD-Forschung zeigt, dass sexuelle Einstellungen weiterhin mit Geschlecht, Bildung, Religion und kulturellem Hintergrund zusammenhängen. (PubMed)
Auch eine Studie über junge Menschen aus Deutschland und England zeigte, dass junge Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon entwickeln, wie sexuelle Beziehungen aussehen sollten. Die untersuchten Jugendlichen beschrieben unter anderem Sexualität als verantwortungsvolle und intime gemeinsame Erfahrung, als Spaß, aber auch als etwas, das mit Liebe und Gleichheit verbunden ist. (PubMed)
Das zeigt eine interessante Entwicklung:
Junge Menschen wachsen heute mit mehreren konkurrierenden sexuellen Vorstellungen auf.
Einerseits existieren traditionelle Vorstellungen über weibliche sexuelle Zurückhaltung.
Andererseits gibt es moderne Vorstellungen von Gleichberechtigung, gegenseitigem Einverständnis und sexueller Selbstbestimmung.
Warum manche Männer die sexuelle Vergangenheit einer Frau überschätzen
Ein weiterer Faktor ist die männliche Wahrnehmung.
Ein Mann kann glauben, dass „die meisten anderen Männer“ eine Jungfrau bevorzugen, obwohl er diese Annahme nie überprüft hat.
So können soziale Normen entstehen, die sich selbst verstärken.
Wenn beispielsweise zehn junge Männer glauben, dass neun andere Männer nur unerfahrene Frauen attraktiv finden, kann jeder einzelne anfangen, seine eigene Meinung entsprechend anzupassen.
Das Problem:
Vielleicht denken die anderen neun Männer genauso wenig darüber nach.
Forschung zu sexuellen Normen zeigt allgemein, dass Menschen die Einstellungen ihrer Altersgenossen teilweise falsch einschätzen können. Besonders bei jungen Erwachsenen können vermutete soziale Erwartungen die eigenen Vorstellungen beeinflussen.
Pornografie und Internet können die Wahrnehmung verändern
Auch das Internet hat die Diskussion über Jungfräulichkeit verändert.
Online finden sich extreme Meinungen in beide Richtungen.
Auf der einen Seite stehen Inhalte, die Jungfräulichkeit idealisieren und mit „Reinheit“, besonderem Wert oder weiblicher Tugend verbinden.
Auf der anderen Seite gibt es eine Kultur, in der sexuelle Erfahrung als Statussymbol dargestellt wird.
Beide Extreme können unrealistische Erwartungen erzeugen.
Ein junger Mann, der hauptsächlich Online-Inhalte konsumiert, könnte deshalb ein verzerrtes Bild davon entwickeln, was andere Männer tatsächlich denken.
Das Internet ist schließlich kein repräsentatives Abbild der deutschen Bevölkerung.
Laut deutscher Forschung hat die digitale Revolution allerdings tatsächlich die sexuelle Erfahrungswelt jüngerer Generationen beeinflusst. Die GeSiD-Pilotstudie fand Unterschiede zwischen Generationen hinsichtlich verschiedener sexueller Praktiken und Erfahrungen. (PubMed)
Ist eine Jungfrau für eine Beziehung „besser“?
Wissenschaftlich lässt sich diese Frage nicht sinnvoll mit Ja oder Nein beantworten.
Jungfräulichkeit sagt allein sehr wenig über die Qualität eines Menschen als Partner aus.
Sie sagt beispielsweise nicht automatisch etwas über:
- Treue,
- Ehrlichkeit,
- emotionale Reife,
- Empathie,
- Kommunikationsfähigkeit,
- Beziehungsfähigkeit,
- sexuelle Kompatibilität,
- Konfliktfähigkeit,
- Zuverlässigkeit.
Eine Person kann völlig unerfahren sein und trotzdem eine schlechte Partnerin oder ein schlechter Partner sein.
Umgekehrt kann jemand sexuelle Erfahrungen mit mehreren Menschen gemacht haben und trotzdem eine liebevolle, treue und stabile langfristige Beziehung führen.
Deshalb sollte Jungfräulichkeit nicht mit Charakter verwechselt werden.
Was junge Männer langfristig bei einer Partnerin suchen
Wenn es um langfristige Partnerschaften geht, verschiebt sich der Fokus häufig von einzelnen sexuellen Merkmalen hin zu Beziehungskompatibilität.
Internationale Partnerpräferenzforschung zeigt, dass Eigenschaften wie Intelligenz, Humor, Ehrlichkeit, Freundlichkeit, Attraktivität, gemeinsame Werte und Zuverlässigkeit eine wichtige Rolle spielen. (PubMed)
Das bedeutet nicht, dass sexuelle Erfahrung bedeutungslos ist.
Sexuelle Kompatibilität kann selbstverständlich ein wichtiger Bestandteil einer Beziehung sein.
Aber sexuelle Kompatibilität ist etwas anderes als Jungfräulichkeit.
Ein Paar kann sexuell kompatibel sein, obwohl beide bereits Erfahrungen mit anderen Partnern gemacht haben.
Ebenso können zwei Jungfrauen erhebliche Probleme in ihrer Beziehung haben.
Der Mythos von der „perfekten unerfahrenen Freundin“
Die Vorstellung von der perfekten unerfahrenen Freundin enthält häufig mehrere Fantasien gleichzeitig:
Sie soll jung sein.
Sie soll attraktiv sein.
Sie soll wenig sexuelle Erfahrung haben.
Sie soll emotional exklusiv sein.
Sie soll den Mann nicht mit früheren Partnern vergleichen.
Sie soll Sexualität als etwas Besonderes betrachten.
Und sie soll gleichzeitig genau zu seinen Vorstellungen passen.
Das ist weniger eine wissenschaftlich nachgewiesene Partnerpräferenz als eine kulturelle Fantasie.
Die Realität menschlicher Beziehungen ist wesentlich komplizierter.
Eine reale Person ist niemals nur „Jungfrau“ oder „Nicht-Jungfrau“.
Sie besitzt eine Persönlichkeit, eine Geschichte, Wünsche, Ängste, Werte und individuelle Vorstellungen von Liebe.
Warum die Frage „Wünschen sich Männer Jungfrauen?“ falsch gestellt sein kann
Eine bessere Frage wäre:
Welche Bedeutung hat sexuelle Erfahrung bei der Partnerwahl junger Männer?
Diese Frage erlaubt eine wesentlich differenziertere Betrachtung.
Für einige Männer kann sexuelle Unerfahrenheit attraktiv sein.
Für andere ist sie unwichtig.
Manche bevorzugen eine Partnerin mit ähnlicher Erfahrung.
Andere fühlen sich sogar wohler mit einer Partnerin, die bereits sexuelle Erfahrungen gesammelt hat.
Und wieder andere suchen überhaupt nicht nach einem bestimmten sexuellen Erfahrungsniveau.
Deshalb gibt es keine einheitliche männliche Präferenz.
Eine besonders interessante Perspektive: Ähnliche Erfahrung statt Jungfräulichkeit
Ein Bereich verdient besondere Aufmerksamkeit: die Ähnlichkeit zwischen Partnern.
Menschen fühlen sich häufig zu Personen hingezogen, mit denen sie bestimmte Werte, Lebensziele oder Erfahrungen teilen.
Dazu kann auch sexuelle Erfahrung gehören.
Ein unerfahrener Mann könnte sich mit einer unerfahrenen Frau besonders wohlfühlen.
Ein sexuell erfahrener Mann könnte eine erfahrene Partnerin bevorzugen.
Nicht unbedingt, weil er „mehr“ oder „weniger“ Erfahrung möchte, sondern weil ähnliche Erfahrungen die Kommunikation und gegenseitige Erwartung erleichtern können.
Die wissenschaftliche Literatur zur Partnerwahl zeigt generell, dass Partnerpräferenzen multidimensional sind. (PubMed)
Jungfräulichkeit und sexuelle Leistungsangst
Ein besonders interessanter Zusammenhang betrifft sexuelle Leistungsangst.
Die deutschsprachige Studie von Komlenac und Kollegen zeigt, dass Jungfräulichkeitsvorstellungen mit der persönlichen sexuellen Entwicklung verbunden sein können. Bei Männern waren negative Erfahrungen beim ersten Geschlechtsverkehr und sexuelle Leistungsangst insbesondere dann ausgeprägter, wenn der Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehrs nicht mit den eigenen Jungfräulichkeitsvorstellungen übereinstimmte. (PubMed)
Das bedeutet:
Die Vorstellung davon, wann und mit wem man „zum ersten Mal“ Sex haben sollte, kann psychologisch bedeutsamer sein als die bloße Tatsache, ob eine Person Jungfrau ist.
Für manche Menschen ist das erste Mal mit einer idealisierten romantischen Geschichte verbunden.
Für andere ist es eher eine persönliche Erfahrung ohne besondere symbolische Bedeutung.
Was ist mit Männern, die ausdrücklich „eine Jungfrau wollen“?
Solche Männer gibt es selbstverständlich.
Ihre Gründe können sehr unterschiedlich sein.
Manche verbinden Jungfräulichkeit mit Romantik.
Andere mit traditionellen Werten.
Andere mit religiösen Überzeugungen.
Manche wünschen sich eine gemeinsame erste Erfahrung.
Andere haben möglicherweise Angst vor Vergleichen mit früheren Partnern.
Wieder andere haben Vorstellungen übernommen, die sie aus Familie, Freunden, Religion, Internet oder Popkultur kennen.
Es wäre jedoch wissenschaftlich falsch, aus der Existenz solcher Männer auf eine allgemeine Präferenz junger Männer zu schließen.
Die Rolle der sexuellen Doppelmoral
Besonders wichtig ist der Begriff der sexuellen Doppelmoral.
Historisch wurde von Männern teilweise erwartet, sexuelle Erfahrungen zu sammeln, während Frauen sexuelle Zurückhaltung zeigen sollten.
Eine große Meta-Analyse mit 99 Studien zeigt, dass solche Muster in verschiedenen Formen weiterhin nachweisbar sind, wobei ihre Stärke stark vom jeweiligen Kontext abhängt. (PubMed)
Eine solche Doppelmoral kann auch die Jungfräulichkeitsfrage beeinflussen.
Wenn ein Mann beispielsweise seine eigene sexuelle Erfahrung als positiv betrachtet, die gleiche Erfahrung bei einer Frau jedoch negativ bewertet, handelt es sich um eine klassische asymmetrische Bewertung.
Das ist etwas anderes als eine persönliche Präferenz für eine Partnerin mit ähnlicher Erfahrung.
Verändert sich diese Einstellung bei jüngeren Generationen?
Vieles deutet darauf hin, dass jüngere Generationen Sexualität zunehmend im Kontext von Gleichberechtigung, Kommunikation und persönlicher Selbstbestimmung betrachten.
Das bedeutet allerdings nicht, dass traditionelle Vorstellungen verschwunden sind.
Die Forschung aus Deutschland zeigt vielmehr ein gemischtes Bild.
GeSiD-Daten zeigen weiterhin geschlechtsspezifische Unterschiede in sexuellen Einstellungen. (PubMed)
Gleichzeitig zeigen Untersuchungen mit jungen Menschen, dass Vorstellungen von Gleichheit, gegenseitiger Zustimmung und gemeinsamer Verantwortung wichtige Bestandteile moderner Sexualität sind. (PubMed)
Die Entwicklung ist also nicht einfach:
„Früher traditionell, heute modern.“
Vielmehr existieren unterschiedliche sexuelle Normen gleichzeitig.
Gibt es eine geheime männliche Fantasie von der Jungfrau?
Hier muss man zwischen Fantasie, Wunsch und tatsächlicher Präferenz unterscheiden.
Es ist durchaus möglich, dass manche junge Männer die Vorstellung einer Jungfrau romantisieren oder erotisieren.
Aber daraus folgt nicht:
„Junge Männer fantasieren generell über Jungfrauen.“
Dafür gibt es keine belastbare deutsche Bevölkerungszahl.
Die vorhandene Forschung untersucht häufiger sexuelle Einstellungen, Jungfräulichkeitsvorstellungen, Geschlechterrollen und Partnerpräferenzen als konkrete Fantasien über Jungfrauen.
Deshalb wäre eine Schlagzeile wie „80 Prozent der jungen Männer träumen von einer Jungfrau“ ohne eine entsprechende repräsentative Studie wissenschaftlich nicht vertretbar.
Was sagen die Daten also wirklich?
Die bisherige Forschung erlaubt einige relativ klare Aussagen.
Erstens: Vorstellungen über Jungfräulichkeit existieren auch bei jungen Erwachsenen im deutschsprachigen Raum. (PubMed)
Zweitens: Geschlechterrollen beeinflussen sexuelle Einstellungen. In deutschen Bevölkerungsdaten zeigen Männer im Durchschnitt teilweise traditionellere Geschlechterrollen als Frauen. (PubMed)
Drittens: Sexuelle Doppelmoral existiert weiterhin, allerdings unterschiedlich stark abhängig von Land, Kontext und Messmethode. (PubMed)
Viertens: Jungfräulichkeit ist nur ein möglicher Aspekt von Partnerpräferenzen. Internationale Forschung zeigt die große Bedeutung zahlreicher anderer Eigenschaften wie Ehrlichkeit, Humor, Freundlichkeit, Intelligenz und Zuverlässigkeit. (PubMed)
Fünftens: Es gibt keine solide Grundlage für die Behauptung, dass junge Männer in Deutschland generell eine Jungfrau als Partnerin bevorzugen.
Sechstens: Die Vorstellung von Jungfräulichkeit kann auch Männer selbst unter sozialen und sexuellen Erwartungsdruck setzen. (PubMed)
Warum persönliche Erfahrungen oft ein verzerrtes Bild erzeugen
Ein Mann kann beispielsweise zehn Freunde haben und feststellen, dass sieben von ihnen Jungfrauen attraktiv finden.
Er könnte daraus schließen:
„Die meisten Männer wollen Jungfrauen.“
Statistisch wäre diese Schlussfolgerung nicht zulässig.
Sein Freundeskreis ist keine repräsentative Stichprobe der deutschen männlichen Bevölkerung.
Das gleiche gilt für Online-Foren.
Wenn in einem Forum hunderte Männer über Jungfrauen diskutieren, bedeutet das nicht, dass Millionen Männer dieselbe Meinung vertreten.
Menschen mit starken Meinungen äußern sich online häufig stärker als Menschen, denen das Thema völlig egal ist.
Jungfräulichkeit als Symbol
Vielleicht ist das der wichtigste Punkt.
Für manche Menschen ist Jungfräulichkeit weniger eine biologische oder sexuelle Eigenschaft als ein Symbol.
Sie kann symbolisieren:
- Unberührtheit,
- erste Liebe,
- Exklusivität,
- religiöse Werte,
- romantische Idealvorstellungen,
- Jugend,
- Vertrauen,
- eine gemeinsame erste Erfahrung.
Für andere Menschen bedeutet sie dagegen fast nichts.
Diese Unterschiede erklären, warum zwei Männer im gleichen Alter völlig unterschiedliche Ansichten über dieselbe Frau haben können.
Der eine könnte sagen:
„Mir wäre es wichtig.“
Der andere:
„Das spielt für mich überhaupt keine Rolle.“
Beide Positionen können persönliche Präferenzen sein.
Jungfrau zu sein ist keine Persönlichkeitseigenschaft
Ein häufiger Fehler in Diskussionen über das Thema besteht darin, aus sexueller Erfahrung auf Charakter zu schließen.
Eine Frau ist nicht automatisch:
- treuer,
- liebevoller,
- ehrlicher,
- emotional stabiler,
- familienorientierter,
- loyaler
nur weil sie noch keinen Geschlechtsverkehr hatte.
Ebenso ist eine Frau nicht automatisch weniger geeignet für eine langfristige Beziehung, weil sie bereits sexuelle Erfahrungen gesammelt hat.
Solche Schlussfolgerungen sind durch die hier betrachtete Forschung nicht gedeckt.
Was bedeutet das für Dating in Deutschland?
Für junge Männer, die heute in Deutschland daten, dürfte die Realität wesentlich vielfältiger sein als die alten Vorstellungen von „Jungfrau versus Nicht-Jungfrau“.
Deutschland ist eine Gesellschaft mit sehr unterschiedlichen Lebensstilen.
Junge Menschen können:
- früh oder spät erste Beziehungen beginnen,
- mehrere Beziehungen haben,
- lange Single bleiben,
- religiöse Vorstellungen verfolgen,
- sehr liberale Vorstellungen haben,
- wenig oder viel sexuelle Erfahrung besitzen.
Daher gibt es nicht den einen deutschen jungen Mann und auch nicht die eine deutsche junge Frau.
Die Partnerwahl ist individuell.
Die wichtigste Erkenntnis: Männer sind keine homogene Gruppe
Wenn man die gesamte Forschung zusammen betrachtet, ergibt sich ein wesentlich realistischeres Bild.
Ja, manche Männer bevorzugen möglicherweise eine unerfahrene oder jungfräuliche Partnerin.
Ja, traditionelle Vorstellungen über weibliche sexuelle Zurückhaltung existieren weiterhin.
Ja, sexuelle Doppelmoral kann auch bei jüngeren Menschen auftreten.
Aber:
Nein, die Forschung belegt nicht, dass junge Männer in Deutschland grundsätzlich oder mehrheitlich eine Jungfrau als Freundin wünschen.
Ebenso wenig gibt es eine belastbare Grundlage für die Behauptung, dass junge Männer heimlich überwiegend von Jungfrauen fantasieren.
Die tatsächliche Partnerwahl ist viel komplexer.
Fazit: Wünschen sich junge Männer heimlich eine Jungfrau?
Die wissenschaftlich sauberste Antwort lautet: Manche wahrscheinlich ja – aber eine allgemeine männliche Präferenz lässt sich daraus nicht ableiten.
Forschung aus Deutschland und dem deutschsprachigen Raum zeigt, dass Vorstellungen über Jungfräulichkeit weiterhin existieren und mit Geschlechterrollen, persönlichen Erwartungen und sexuellen Erfahrungen zusammenhängen können. (PubMed)
Gleichzeitig zeigen große internationale Untersuchungen, dass langfristige Partnerpräferenzen von einer Vielzahl anderer Eigenschaften geprägt werden, darunter Persönlichkeit, Humor, Ehrlichkeit, Intelligenz, Attraktivität, Werte und Zuverlässigkeit. (PubMed)
Die Vorstellung, dass „Männer insgeheim eine Jungfrau wollen“, ist deshalb zu simpel.
Interessanter ist die Frage, warum ein bestimmter Mann Jungfräulichkeit wichtig findet.
Bei einem Mann kann es Romantik sein.
Bei einem anderen Tradition.
Bei einem dritten religiöse Überzeugung.
Bei einem vierten die eigene Unerfahrenheit.
Bei einem fünften die Angst vor Vergleichen.
Und bei einem sechsten spielt Jungfräulichkeit überhaupt keine Rolle.
Gerade deshalb sollte man bei diesem Thema nicht von „den Männern“ sprechen.
Die Forschung zeigt vielmehr eine Mischung aus biologischen, psychologischen, sozialen und kulturellen Einflüssen. Jungfräulichkeit kann für manche Menschen eine starke symbolische Bedeutung besitzen – sie ist aber keineswegs ein zuverlässiger Maßstab für die Qualität eines Menschen oder einer Beziehung.
Am Ende entscheidet bei einer echten Partnerschaft nicht allein, wie viele sexuelle Erfahrungen eine Person vor der Beziehung hatte. Entscheidend sind vielmehr die Eigenschaften, die zwei Menschen miteinander verbinden: Vertrauen, Respekt, Kommunikation, gegenseitige Anziehung, gemeinsame Werte und die Fähigkeit, eine freiwillige und gleichberechtigte Beziehung aufzubauen.
Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Forschung
Die wichtigsten wissenschaftlichen Arbeiten, auf die sich dieser Artikel stützt, umfassen insbesondere:
- Komlenac et al. (2022): Untersuchung von Jungfräulichkeitsvorstellungen, Erfahrungen beim Verlust der Jungfräulichkeit und sexueller Leistungsangst bei deutschsprachigen heterosexuellen Frauen und Männern. Die Stichprobe umfasste 536 Frauen und 181 Männer. (PubMed)
- Ludwig et al. (2023): Analyse sexueller Einstellungen in Deutschland auf Grundlage der GeSiD-Daten mit 4.955 Teilnehmerinnen und Teilnehmern. (PubMed)
- Klein et al. (2019): Forschung zu traditionellen sexuellen Skripten und zur Bewertung sexueller Selbstbestimmung von Frauen durch Männer in Deutschland. (PubMed)
- Lippa (2007): Internationale Untersuchung von Partnerpräferenzen mit mehr als 218.000 Teilnehmern aus 53 Ländern. (PubMed)
- Gerhards et al./GeSiD-Pilotforschung: Untersuchung generationsbezogener Unterschiede in sexuellen Erfahrungen in Deutschland. (PubMed)
- Gerlach et al. (2021): Untersuchung darüber, wie junge Erwachsene in deutschsprachigen Ländern Jungfräulichkeitsverlust definieren und wie Geschlecht und Beziehungskontext diese Definition beeinflussen. (PubMed)
- Jon Richardson & Marlene Zuk (2024): Meta-Analyse von 138 Studien zur Präferenz männlicher Tiere für jungfräuliche Weibchen – interessant für evolutionäre Hypothesen, aber nicht als direkter Beweis für menschliche Partnerpräferenzen. (PubMed)
- Dahl et al. / Forschung zu sexueller Doppelmoral: Meta-analytische Untersuchung mit 99 Studien und 123.343 Teilnehmern zur Frage, ob unterschiedliche sexuelle Maßstäbe für Männer und Frauen weiterhin bestehen. (PubMed)
Ein wichtiger wissenschaftlicher Vorbehalt bleibt: Für Deutschland existiert nach den hier gefundenen Studien keine repräsentative aktuelle Prozentzahl, die zuverlässig beantworten würde, wie viele junge Männer ausdrücklich eine Jungfrau als Partnerin wünschen oder von einer Jungfrau fantasieren. Aussagen darüber sollten deshalb als individuelle Präferenzen oder kulturelle Tendenzen und nicht als feststehende Eigenschaft „junger Männer“ dargestellt werden.
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